Zweiter Weltkrieg : Befehl für Raketenangriff kam aus Siegen
Am 16. Dezember 1944 wurde nicht nur Siegen zerstört, sondern auch Antwerpen. Der Befehl für den Abschuss der für die belgische Stadt bestimmten V2-Raketen kam aus Siegen.
Die Duplizität der tragischen Ereignisse will die Fraktion „Die Linke” in der Ratssitzung am 25. November thematisieren. Die Fraktion sieht ihre Anfrage in Zusammenhang mit der wieder erwarteten „Demonstration rechtsextremer und neonazistischer Kräfte”. Das Siegener „Bündnis für Demokratie” befasse sich mit der Planung einer Gegendemonstration. Die Ratssitzung am 16. Dezember sei eine würdige Gelegenheit, gemeinsam mit Vertretern der Stadt Antwerpen, „nationalsozialistischen Parolen” entgegen zu treten.
Eintragungen im Kriegstagebuch
Die Rolle, die Siegen beim Angriff auf Antwerpen spielte, ist wenig bekannt, aber historisch belegt. Der Siegener Heimatforscher Hans-Martin Flender zitiert in seinem 1980 veröffentlichten Buch „Der Raum Siegen im Zweiten Weltkrieg” aus dem Kriegstagebuch Nr. 1 des Flak-Regiments 155 W des Regimentskommandeurs Oberst Wolf: „Seelbach bei Siegen. 16. Dezember 1944: Beginn des Einsatzes aus dem holländischen Raum. Mit einem Feuerschlag aus sieben Stellungen eröffnet die II. Abteilung um 5 Uhr früh das Schießen mit Ziel auf Antwerpen.”
Die Fernwaffeneinheit befand sich damals in dem späteren Gasthof an der Seelbacher/Freudenberger Straße, berichtete Hans Klappert () in seinem Buch „Gesichter einer Stadt”, 1993. Hier sei bestimmt worden, wann welche V-Geschosse eingesetzt wurden: „Zugrunde lagen genaue Berechnungen von Wetterbedingungen, Windrichtung und Flugbahn. Das Einstellen des Zielmechanismus an der Abschussrampe richtete sich nach den Anweisungen der Leitung.”
Ulrich F. Opfermann weist in seinem Aufsatz in „Siegener Beiträge 10, 2005” darauf hin, dass Antwerpen und Siegen mehr als nur der Name eines der größten europäischen Malers der frühen Neuzeit verbindet: „Die zwei Rubensstädte sind miteinander verbunden durch ein Datum der jüngeren Zeitgeschichte, den 16. Dezember 1944.” Am Tag, an dem die Bombardierung Siegens 348 Tote (ohne die getöteten ausländischen Zwangsarbeiter) gefordert hatte, sei auch Antwerpen von Siegen aus angegriffen worden. Wo die Raketen auf Befehl der Siegener Fernwaffeneinheit abgeschossen wurden, ist unbekannt. Laut Opfermann hatten sie ihre Stellungen „in einem Raum in einer Breite von Wittgenstein im Osten bis zum Hinterland der Front im Westen.”
Der Historiker schildert auch die Hintergründe des deutschen Angriffs auf Antwerpen. Bereits am 4. September sind britische und kanadische Truppen in die Stadt eingerückt. Doch die Kämpfe gingen weiter – auch die Raketenbeschüsse. Am 16. Dezember begann mit der Ardennen-Offensive der letzte Versuch, „das NS-System in letzter Stunde zu retten”. „217 V-Waffen gingen auf die Stadt nieder, unter anderem gesteuert aus dem Raum Siegen”, hält Opfermann fest. Eine von ihnen schlug in das Rex-Kino ein: „Das Ergebnis war ein Blutbad: 567 Tote, 291 Schwerverletzte”.
Friedenstreffen der zerstörten Städte
Die Stadt Antwerpen setzte 1994 zum 50. Jahrestag ihrer Befreiung ein Versöhnungszeichen: Sie lud als einzige deutsche Stadt Siegen zu einem Friedenstreffen mit dem Titel „Zerstörte Städte zeugen” ein. Die damalige Bürgermeisterin Hilde Fiedler war mit einer Delegation vertreten. Die Siegener zeigten auch eine Dokumentation mit Bildern vor und nach der Zerstörung.












