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Welttheater der Straße

Zwei lustvolle Liebesnächte

30.08.2009 | 16:37 Uhr
Zwei lustvolle Liebesnächte

Schwerte. Als die Bürger und Bürgerinnen am Sonntagmorgen zur Wahl gingen, sah die Innenstadt rund um Markt und Wuckenhof aus wie ein lustvoll zerwühltes Bett: Spuren einer wunderbaren Liebesnacht zwischen Stadt und Welttheater.

Schon als sich am Freitagabend die riesengroßen und klitzekleinen Vorhänge hoben an den vielen bunten Spielorten vom kleinen Markt bis zu Rohrmeisterei, war klar, dass der Besucherandrang die Vorjahre toppen würde. Knallvoll war's rund um den Wuckenhof, und St. Viktor verneigte sich huldvoll vor den Gästen. Netterweise spielte auch Pe-trus mit und sorgte für zwei trockene Nächte.

In dicht gedrängten Reihen flanierten gut 20 000 Menschen von Spielort zu Spielort, überall gab es fantastische Dinge zu entdecken. Dralle Kost für immer nur einen Zuschauer bot zum Beispiel die Peepshow aus Dresden. Hier bekam die Warteschlange schon durch die Geräuschkulisse eine kleine Ahnung davon, dass gleich die große Anmache folgen würde. Und die kam dann auch, aber hallo!

Ein Hauptspaß waren Les Goulus mit ihrem aberwitzigen Dressurritt ganz ohne Gäule. Richtung Rohrmeisterei reiten sich mehr die lokalen Matadore. Am Künstlerhaus sperrte TaF einen sehenswerten Schrankmenschen ein und das Theater Entgleist stellte dieLeiter auf. Ein bisschen sperrig lagen zwischen Wuckenhof und alter Halle die Container von ARTScenico am Wege, aber intellektuelle Anstengung darf auch bei einem solchen Festival mal verlangt werden.

Einen wunderbaren neuen Spielort im verwunschenen Garten zwischen Rohrmeistereiparkplatz und Diakoniewiese erschlossen uns das Straßenkinderprojekt Teatro Tono aus Brasilien und die Flammenspiele von Femfire aus Dortmund.

Pralle Szenen für Jung und Alt

Wieder zurück zum Wuckenhof: Solide Slapstick-Kost bot hier wieder einmal das Bash Street Theatre mit einer Kriminalgroteske, an der nicht nur die Kinder ihren Spaß hatten. Einmal kehrt, und die Compagnie Du Mirador zeigte in luftiger Höhe, dass nicht nur unglaubliche Körperbeherrschung, sondern auch Liebe und Leidenschaft die Schwerkraft aufheben können.

17. Festival Welttheater der Straße Ilotopie

Auf dem kleinen Markt suchten derweil manche zunächst vergeblich nach Ilotopie und dem „Schaum im Käfig”. Vor lauter Warten musste dann jeder mal ans feucht glänzende Gestänge tippen - und rieb dann seinen Farbenfinger. Doch als es dann losging, wandelte man staunend durch diesen Skulpturenpark, in dem schneeweiße Figuren langsam im wahlweise roten, grünen, blauen oder schwarzen Schaum erstarrten.

Ein wenig Erholung holten sich viele dann im Cafe Zentral, wo Anna & the Stringz mit milden Jazz-Tönen und Maria Mironova mit klassischem Sopran viel Beifall bekamen. Sehenswert auch die Shakespeare-Lesung mit Nehle Breer und Samy Wassermann, beide im schönsten Romeo-und-Julia-Alter, in den Zwischenraum Ateliers.

Draußen vor der Tür braute sich derweil auf dem Markt der Topact zusammen. Die Titanick-Truppe enttäuschte nicht. Schon als sich der gewaltige Theatertruck mit Getöse auf den Markt schob und zu einer monströsen Kulisse entblätterte, ahnte man, was auf die Zuschauer zukam. „Odyssee” hieß die Produktion und antike Dramen sind nun mal kein Deckchenhäkeln. Blut, Schweiß und Tränen ließ der Amoklauf und Kampf eines Imbissbudenbesitzers gegen eine rücksichtslose Theatertruppe fließen. Man schiebt halt einen griechischen Grill nicht einfach zur Seite, wenn er Poseidon, dem Gott des Meeres, gehört. Da war am Ende auch der Beifall kollossal.

Zarte Liebeschwüre und Kampf bis aufs Messer

Favorit von Festivalchef Hermes aber war diesmal wieder der kleine Circus Ripopolo, den er gleich fürs nächste Jahr verpflichtete - wenn, ja wenn es wirklich ein nächstes Jahr gibt. Das würde sich dann wohl mehr in Richtung Rohrmeisterei verlagern, wo gerade eine neue Spielstätte für Großproduktionen entsteht. Allerding ist der finanzielle Druck auf die Verantwortlichen groß, die Schlinge zieht sich zu. Wenn wir aber dieses Weltthater der Straße verlieren würden, würde Schwerte ein Stück Herz verlieren.

Bernd Kirchbrücher

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