Vom Wanderer zum Pilger
03.08.2009 | 17:49 Uhr 2009-08-03T17:49:00+0200
Schwerte. Der Jakobsweg wird seit über 1200 Jahren von Pilgern begangen. Seit Anfang dieses Jahrhunderts ist er Weltkulturerbe, nachdem er vorher bereits Europäisches Nationalerbe und die „Hauptstraße Europas” war.
Viele Prominente sind ihn gegangen, von Päpsten und Schauspielern bis hin zu Hape Kerkeling, der seine Erfahrungen auf dem „Camino” zum Bestseller formulierte. Aber auch Horst-Dieter Czembor, passionierter Wanderer und seit über 30 Jahren Mitarbeiter der Westfälischen Rundschau, hat sich in diesem Sommer auf den Weg gemacht. In dieser Serie schildert er seine ganz persönlichen Erlebnisse und Begegnungen auf dem „Camino”. Im heutigen ersten Teil beschreibt er den Weg.
„Der Weg ist das Ziel”, habe ich jedes Mal gehört, wenn ich Freunden sagte, dass ich den Jakobsweg gehen möchte. Schon vor über zehn Jahren, lange ehe H.P. Kerkeling sich auf den „Camino” machte, reizte mich diese historische Pilgerroute.
„Buen camino” (Guten Weg) hörte ich zum ersten Mal, als ich mit Gesine, der Vorsitzenden der Paderborner Jakobsgesellschaft telefonierte und mich über Fahrtmöglichkeiten zum Ausgangspunkt in Saint Jean Pied de Port erkundigte. Ich ahnte damals nicht, dass mich diese Worte acht Wochen lang auf Schritt und Tritt begleiten würden.
Ich ahnte vor allen Dingen nicht, was der Weg aus mir macahen würde: Los ging ich als eifriger Wanderer, in Santiago kam ich als echter Pilger an.
„Der Weg verbindet, der Weg lässt Dich nie mehr los, der Weg bringt jeden zum Heulen, der Weg ist gnadenlos”. Das sind nur einige Sätze, die ich vor dem Start hörte. Dass sie alle mehr oder weniger stimmen, sollte ich bald erfahren.
Um es vorab zu sagen: Ich bin jeden einzelnen der etwa 800 000 Meter des „Camino” gegangen, habe jeden Schritt bewusst gespürt und war von der Vielfalt der Strecke mehr überrascht als von der Länge. Ich habe Tausende von Pilgern kennen gelernt, habe mit Hunderten gesprochen und einige haben mit ihren Gedanken tiefe Spuren in meine Seele gegraben.
Ich habe die Sprache(n) des Pilgerweges kennen und zum Teil (wieder) sprechen gelernt, habe meine Spanisch-, Englisch- und Französischkenntnisse aufgefrischt, habe aber auch in meiner Muttersprache Gedanken ausgetauscht. Vor allem: Ich habe mich immer mit meinen Mitpilgern verstanden.
Ich habe die Pyrenäen, die erste Herausforderung, mit über 1000 Metern Anstieg am ersten Pilgertag geschafft und kam an meine Leistungsgrenzen. Habe später die 80 Kilometer der „Meseta”, einer eher langweiligen Hochfläche, munter durchschritten, habe in Schlafsälen in Pilgerherbergen mit über 100 Mitpilgern geschlafen, bin frühzeitig aufgestanden, um rechtzeitig in der nächsten Herberge zu sein.
Blau-weiß und
schwarz-gelb
Jede Nacht an einem anderen Ort in einem anderen (Etagen-)Bett, mit anderen Leuten zusammen, tagsüber durch ständig wechselnde Landschaften zu gehen, das erfordert geistige und körperliche Beweglichkeit. Ich fand sie auf dem Weg, obwohl ich von Natur aus eigentlich ziemlich bequem bin und ungern von eingefahrenen Pfaden abweiche.
Manchmal weckte der „Camino” in mir sogar heimatliche Gefühle: In der Provinz La Rioja, Spaniens Weinbaugebiet Nummer 1, wechseln plötzlich die Farben der Pilgerzeichen: Statt blau-gelb werden die Muscheln nicht etwa rioja-rot, sondern blau-weiss, die von mir nicht unbedingt geliebten Schalke-04-Farben. Und das alle fünf Meter...
Aber 100 Kilometer weiter bin ich versöhnt: Der Weg wird von mannshohen Ginsterbüschen in knalligem Gelb gesäumt. Und als Schwester Regina, eine ganz treue Mitpilgerin von mir – eine Nonne aus dem Sauerland, die in Attendorn trotz ihrer 70 Jahre noch als Krankenhausseelsorgerin tätig ist – in ihrer schwarzen Tracht auf mich zukommt, sehe ich plötzlich vertrautes Schwarz-Gelb, die BVB-Farben: Der „Camino” sorgt immer für einen Ausgleich...
Zeit ist stehengeblieben
Die am Pilgerweg liegenden Großstädte sind Pflichtübungen für alle: Pamplona, Burgos, Leo´n oder Sahagun und Sarria. Interessanter für mich aber sind die kleinen Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die teilweise verlassen sind und verfallen. Zum Beispiel Foncebadon, wo aus der Hälfte der Kirche eine Herberge geworden ist, in der Pilger und die „Hosteleros” (Herbergsväter) gemeinsam kochen, essen und auch schlafen. Und wo meine Mitpilgerin Schwester Regina in Ermangelung eines Priesters die Pilgermesse halten darf. Allerdings unter freiem Himmel, weil die für Messen vorgesehene Kirchenhälfte wegen des Pilgerandrangs mit Matratzen ausgelegt ist.
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