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Theater am Fluss

Viel Tragik, wenig Komödie

19.02.2010 | 16:41 Uhr

Schwerte. Kalt ist es im Publikumsraum der Rohrmeisterei 4, kalt und ungemütlich. Doch die Kühle, die sich langsam die Beine hochfrisst stört nicht. Im Gegenteil – sie passt zum kargen, trostlosen Bühnenbild.

Heizungsausfall als Erlebnistheater – die Premiere der Tragikomödie „Ein Schädel in Connemara” des Theaters am Fluss wurde am Donnerstagabend zur Zitterpartie.

Jesuskreuz und Playboy-Kalender hängen an der Wand, ein abgeranzter Sessel steht in der Ecke. Das Wohnzimmer ist trostlos. Fast so trostlos wie der Bewohner Mick Dowd (Wolfgang Klein). Der wortkarge Ire hängt an der Flasche, trinkt Whiskey wie Wasser. Dowd ist ein Verlierer-Typ. Seine Frau starb beim Verkehrsunfall – er selbst saß am Steuer. Besoffen. Die deprimierende Stimmung ist für das Publikum greifbar. Es gibt viel Tragik, wenig Komödie.

Schwerhörig, übergewichtig, und ebenfalls whiskeyabhängig schafft Nachbarin Marry Rafferty (Lena Bremshey) das Theaterstück auf eine liebevolle Art zu entschleunigen, bevor es überhaupt in Fahrt kommt. Die provokante Sprache wird von der erdrückenden Trostlosigkeit geschluckt, der typische Running-Gag von Regisseur Lars Blömer will nicht so recht zünden.

Leben kommt makabererweise erstmals auf dem Friedhof ins Spiel. Nur ein irisches Volklied lang braucht es, damit das Wohnzimmer verschwindet und die Grabstätte in den Vordergrund rückt. Das Bühnenbild ist ebenso genial wie einfach. Zwischen Erdloch und Grabstein liefern sich Mick Dowd und Dorfdepp Mairtin Hanlon (Alexander Borowski) ein schauspielerisches Duell. Sie leben ihre Rollen, harmonieren im Spiel. Der Dorftrottel mit der Kappe und der mürrische Ire mit Pelzmütze – ein ungleiches Paar. Gemeinsam sollen sie auf dem Friedhof Platz schaffen. Knochen ausgraben, rein in den Jutesack, ab in den See.Unbürokratisch und unmoralisch. Auch die Gebeine von Micks verstorbener Ehefrau sollen wieder ans Tageslicht – doch das Grab ist leer.

Galgenhumor und Mitleid vermischen sich – das Lachen bleibt im Halse stecken. Mit dem gelangweilten Dorfpolizist Tom Hanlon (Sammy Wassermann), der mit Anzug und Sonnenbrille eher wie ein Kleinkrimineller wirkt, kommt zwar kein überraschender Wendepunkt, dafür aber Humor ins Spiel. Mick sucht eine Leiche, Polizist Tom einen Mörder, Dorfdepp Mairtin das nächste Fettnäpfchen und das 30 köpfige Premierenpublikum die Moral.

Das irische Dörfchen, in dem Klatsch und Tratsch den Alltag bestimmen, ist den Zuschauern auf unheimliche Art bekannt. Nach zwei Stunden steht nur eines fest: Tot bleibt tot. Oder etwa nicht?

Marie Lisa Schulz

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