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Wilde & Vogel

Verlorene Kreaturen im Moloch Paris

01.11.2009 | 14:19 Uhr
Verlorene Kreaturen im Moloch Paris

Schwerte. Masken und bizarre knochige Puppen, gespenstisch weiß, bedrängen den Spieler, führen groteske Tanzbewegungen auf, werden dann wieder anschmiegsam. Bedrückend liegt ein Hauch von Verlorensein, Lebensgier, Erotik und Todessehnsucht in der Luft.

Anspruchsvoll, anfangs irritierend, war die Aufführung des Figurentheaters Wilde & Vogel im Rahmen der 49. Schwerter Kleinkunstwochen in der Rohrmeisterei. Spleen heißt die Inszenierung des Duos. Als Inspiration dienten ihnen die Großstadtimpressionen, als lyrische Prosa verfasst, aus Charles Baudelaires Spätwerk „Le Spleen de Paris”. Wunderbar klingen die von Kindern eingesprochenen Gedichte, die mit ihren unverbrauchten Stimmen den Raum für Interpretationen lassen. Sie erzählen vom „grässlichen Leben in einer grässlichen Stadt” und vom Bruderkrieg um ein Stück Brot.

Das Bühnenbild ist karg, eine weiße Fläche, Gitarren im Hintergrund. Alles, was sich normalerweise hinter der Bühne abspielt, wird offen gezeigt. Nichts ist versteckt, die Ästhetik ist wie umgestülpt. Gezeigt werden Versatzstücke in einem musikalischen Puzzle. Charlotte Wilde spielt auf Bass, E-Gitarre, Geige und Effektgeräten Eigenkompositionen, dann den „Schwanengesang” von Schubert und die Marseillaise. Mal leise und einfühlsam, dann wieder kreischend laut. Gewollt übersteuerte Gitarren verbreiten ein Gefühl atmosphärischer Störungen. Michael Vogler haucht seinen Puppen eine Seele ein. Zärtlich und hingebungsvoll spielt er mit ihnen und sie mit ihm. Es sind verlorene Kreaturen im Großstadtmoloch, dem Paris des 19. Jahrhunderts, mit froschähnlichen Gesichtern und dünnen, unproportionalen Figuren, die ihre Träume und Sehnsüchte, ihr Scheitern und Verderben tanzen.

Es war keine einfache Kost, die Wilde & Vogel servierten. Berührend und bedrückend zugleich. Mit einer Mischung aus bildender Kunst, Performance, Schauspiel und Musik gaben der Puppenspieler und die Theatermusikerin einen theatralen Einblick in Lebenslust und Lebensleid der zeitlosen Moderne. Zum Schluss sang das Duo Elvis Presleys „Don't”, während sich eine Mondsichel dem Boden näherte, ein anmutiges froschgesichtiges Püppchen aufnahm und gen Theaterhimmel entschwebte.

Christel R. Radix

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