Theaterstücke gegen Albinomorde
07.09.2009 | 18:13 Uhr 2009-09-07T18:13:00+0200
Schwerte. Wenn Theatermann Bernd Witte die Gräuel aus Tansania beschreiben soll, die auf der Bühne der Weltöffentlichkeit Entsetzen hervorgerufen haben, dann verschlägt es ihm die Sprache.
In dem ostafrikanischen Staat bringen so genannte Wunderheiler bestialisch Albinos um, Menschen mit überwiegend weißen Hauptpigmenten. Witte wollte dem Morden nicht tatenlos zusehen. Mit Mitteln, die er am besten beherrscht, hat er eine Kampagne gegen das Töten gestartet.
Drei Wochen waren er und Kollegin Elke Drews jetzt in Tansania unterwegs und inszenierten Theaterstücke, die die Hintergründe der Morde, die Motive der Täter, ihrer Helfer und Helfeshelfer aufzeigten. Um aber nicht vor leeren Rängen zu spielen und möglichst viele Menschen direkt anzusprechen, hatten der Schwerter und seine Mitstreiterin schon in Deutschland ein Drehbuch geschrieben, das weniger Rollen und Texte als vielmehr Impulse für eine sinnvolles Herangehensweise an ein „sensibles Thema” (Witte) beschrieb. Denn die Wunderheiler, betont der Theatermacher, genießen in ihrer Heimat ein hohes Ansehen. Deren Verfehlungen aufzuzeigen oder Kritik an ihnen zu üben sei mitunter schwierig.
„Kannibalismus”
Schon von Deutschland aus knüpfte er Kontakte zu der College of Arts in Bagamoyo, frühere Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika. Mit dieser Kunstschule pflegt der Freundeskreis Bagamoyo, dem Witte angehört, schon seit vielen Jahren ein enges Miteinander. Und dort fanden sich junge Leute, die zum einen bereit waren, die beiden Deutschen zu begleiten, und die zum anderen über die notwendigen Sprachkenntnisse verfügten. So machten sich Witte, Drews und die einheimischen Kollegen auf den Weg und ihr erstes Ziel hieß Mwanza, zweitgrößte Stadt des Landes. Noch bevor sie ihr Stück auf die Bühne brachten, die mitten auf einem großen Marktplatz aufgebaut war, hörten sie bereits von einem erneuten Albinomord. Den Zuschauern, die in stattlicher Zahl die Aufführung verfolgten, demonstrierte das Ensemble, was solche Medizinmänner den Menschen vorgaukeln. Leuten in bitterer Armut versprechen die Wunderheiler, dass sich mit kleinsten Resten von Albinoknochen ihr Leben zum Besseren wende werde. Auch wenn es an Kannibalismus grenzt, was die Heiler propagieren, lassen sich manche Leute oft aus schierer Verzweifelung darauf ein, berichtete Witte.
Dubiose Hintermänner
„In den Aufführungen konnte das Publikum die Schauspieler befragen, die in ihrer jeweiligen Rolle eine Antwort gaben”, beschreibt der Schwerter das Geschehen. Auf diese Weise sei ein klares Bild entstanden, wie skrupellos die Heiler vorgehen und welchem irrwitzigen Glauben an Magie und faulen Zauber manche Leute anhängen.
Diskussionen hat das Ensemble aber nicht nur in Mwanza angestoßen, sondern auch in Geita, einer Stadt, die ein Tourismusland wie Tansania wohl auf keiner Reisekarte einzeichnet. Es handelt sich nämlich um eine Millionenmetropole, die nach dem Bau einer Goldmine aus dem Boden gestampft wurde, und die wenige Gewinner, aber dafür um so mehr Verlierer kennt. „Genau diese Menschen sind aber so anfällig für Visionen von einem schöneren Leben”, sagt Witte. Ein Nährboden, der den Heilern viel Geld einbringt, weil die Ärmsten der Armen auf sie setzen und ihnen die gewünschten Summen zahlen. Wie sie im Einzelfall an die Beträge kommen, ob im Hintergrund noch Geldgeber existieren, die das Töten weiter forcieren, das ist durchaus denkbar, aber nicht nachgewiesen, berichtet Rudolf Blauth, Vorsitzender des Freundeskreis Bagamoyo.
Sowohl in Mwanza als auch in Geita seien nun aber „Keime gesetzt worden”, damit sich „in den Köpfen der Bevölkerung etwas bewegt”, sagt Witte. Denn nun wollen Schauspielgruppen vor Ort mit weiteren Stücken Wittes Idee fortsetzen und die Menschen zum Nachdenken bringen. Der Schwerter sieht seine Mission aber längst nicht beendet, will Gelder vom Entwicklungshilfeministerium beantragen und plant eine weitere Tour durch Tansania. Dass man auch ihm nach dem Leben trachten könnte, das fürchtet er nicht.
Freundeskreis Bagamoyo, Sparkasse Münsterland-Ost, BLZ: 40050150, Kto-Nr: 43596
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