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Kabarett

Sensenmann hatte keine Lust mehr

27.10.2009 | 18:12 Uhr
Sensenmann hatte keine Lust mehr

Schwerte. Tod und Sterben sind in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema. Jedoch nicht bei der „Letzten Instanz” in der Rohrmeisterei: Auf Einladung der Sterbe- und Trauerbegleitung „Die Brücke” gingen Harald Funke und Jochen Rüther das Thema von der kabarettistischen Seite an.

Schwarze Anzüge, weiße Hemden – das hatte schon etwas von einem Bestatter, wie die zwei Münsteraner auf die Bühne kamen, wären da nicht die roten Farbtupfer in Form von Krawatte und Fliege gewesen. Der eine (Funke) kam als Sensenmann, der sich beklagte, dass niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben wolle. Es sei die totale Greisenzeit angebrochen: „Ihr segnet alles Mögliche, nur nicht das Zeitliche.” Früher, ja, da war er Kultur. Im Jedermann, bei Shakespeare, ja, da wurde er verehrt. Aber heute? Heute gehe es nur noch um Fit for life, die Menschen werden immer älter. Selbst bei Joopi Heesters habe er des Öfteren angeklingelt. Der hätte ihm die Tür zwar geöffnet, doch dann seiner Frau zugerufen: „Schatz, Du hast Besuch.” Funkes Resümee: „Ich kann so nicht mehr arbeiten. Ich kündige fristlos. Ihr dürft ab jetzt ewig leben.” So viel zum Thema Tod.

Funke und Rüther spielten sich gegenseitig die Bälle zu und lieferten sich herrliche Wortgefechte. Funke hatte den emotionalen Part inne, sein Partner beleuchtete alles von der sachlichen und volkswirtschaftlichen Seite. Rüther bemühte kuriose Statistiken, die beispielsweise besagen, dass die deutsche Durchschnittsfrau 208 Minuten pro Tag fern sieht. Also rund elf Jahre ihres Lebens. Täte sie das nicht, wie würde dann die Wäsche gebügelt, fragte Funke.

So ging's munter weiter: Von Casting-Shows (Wer bei der Magersuchtmodel-Show durchfällt, geht zu Bauer sucht Frau) über die zu dicken Deutschen, den Fortpflanzungstrieb der Männer bis hin zum Thema Doping beim Radsport, das sie höchst amüsant in den Pippi-Langstrumpf-Song (2 mal 3 macht 4) verpackt hatten. Sie erklärten, warum Männer anders ticken als Frauen, deren Gehirnhälften irgendwie verklöppelt seien. Ein Mangel bei den Männern, keine Verbindung, keine Durchblutung, denn der Lebenssaft wird weiter unten benötigt.

Nach einer guten Stunde sollte an und für sich Schluss sein. Doch das Publikum in der gut gefüllten Rohrmeistereihalle ließ das Duo nicht von der Bühne. Die Zwei zogen mittels Deutschlands liebster Sportart, dem Dressurreiten, Bilanz. Das war Politkabarett vom Feinsten. Rüther galoppierte als Pferd Morgenröte mit Funke als pfiffigen Kommentator durch die Geschichte der Bundesrepublik. Da gab es Gold für die Dressur und Gold für Rüther und Funke.

Wortwitz, Körpereinsatz und eine ungeheure Spielfreude der Münsteraner Kabarettisten riss das Publikum zu Szenenapplaus, lautem Gröhlen und Beifallsstürmen hin. Nach drei Zugaben und knapp zwei Stunden ging endgültig das Licht wieder an. Der eine oder andere Zuschauer musste sein Taschentuch bemühen, um die vielen Lachtränen zu trocknen.

Christel R. Radix

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