Rattenscharf - rotzfrech - Ratzke
15.11.2009 | 17:07 Uhr 2009-11-15T17:07:00+0100
Schwerte. Kennen Sie Kranenburg? Nein? Muss man auch nicht kennen. Da wohnen nur Männer, damit die Bevölkerung sich nur nicht vermehrt.
Kranenburg liegt am Niederrhein, nahe der holländischen Grenze. Da wurde Sven Ratzke geboren und sogleich von den Holländern gekidnappt, als er in einer Aldi-Tüte steckend an einer Leine hing, die zwischen den einzigen zwei Fichten im Dorf gespannt war.
Melancholisch und ein wenig sexangehaucht
Der Mann und seine musikalischen Begleiter Charly Zastrau (Piano) und Cord Heineking (Kontrabass, singende Säge) trieben die Zuschauer in ihrer über zweistündigen Show „Gigolos & Germans” die Tränen in die Augen – vor Lachen. Ein rattenscharfer, rotzfrecher, äußerst sympathischer Sven Ratzke wirbelte am Freitagabend grazil, mal laut, mal leise, als vorletzter Part der 49. Schwerter Kleinkunstwochen über die Bühne der Rohrmeisterei.
„Ich freue mich in Schwerte zu sein, so nah an der holländischen Grenze”, begrüßte der Deutsch-Holländer das Publikum. „Ich hab' vor zehn Jahren angefangen vor fünf Leuten. Mich wollte kein Schwein sehen. Nicht wie heute. Halb Schwerte ist ja in den Rohrmeister gekommen”, frotzelte er ins leider nur halbvolle Haus. Beabsichtigt oder nicht, blieb er den Abend über beim Rohrmeister. „Der Abend wird anstrengend, depressiv und teilweise pervers”, hieß es im Programm. „Würde ich nie sagen. Der Abend wird vielleicht etwas melancholisch und ein wenig sexangehaucht”, korrigierte der Künstler.
Seine Geschichten zwischen den Songs sind ein wenig frivol, aber nie die Grenzen überschreitend, sind bissig, selbstironisch – und urkomisch. Vor zehn Jahren lebte er in Berlin und arbeitete als Fremdenführer. Einmal waren unter den Touristen drei wohlhabende Holländerinnen, die das richtige Nachtleben Berlins erleben wollten. Er kriegte 50 Mark von jeder und fuhr mit ihnen in den dreckigsten Nachtclub Berlins. „Der Türsteher, dessen warzenübersäte Nase das Guckloch ausfüllte, war am ganzen Körper mit nackten, vollbusigen Damen tätowiert, die mit einem Kreuz verbunden waren. Seinen Zopf hatte er mit einem unteren männlichen Körperteil verbunden. Es wurde ein voller Erfolg.” Der Mann erzählte von Orten, von denen wohl kaum einer je gehört hatte. Dichtung oder Wahrheit, autobiografisch oder nicht?
Ratzke vereint viele Talente zu einem großen Ganzen. Er ist Diva mit Faible für Gossenpoesie, melancholischer Clown und Spitzenentertainer. Er ist spontan mit viel Raum für Interpretation, bezieht das Publikum mit ein und spielt mit ihm, ist ein brillanter Sänger, der mehrere Oktaven beherrscht. Er wühlt die Musiklandschaft auf und mischt Chanson, Pop, Blues, Jazz und Schlager. Begleitet wird er von den exzellenten Jazzern Zastrau und Heineking, denen die Spielfreude im Gesicht steht.
Eine exzellente Show, die mehr Publikum verdient hätte. Kulturamtsleiter Herbert Hermes: „Weber und Beckmann sind hier auch vor 170 Zuschauern angefangen. Für deren Auftritt am nächsten Freitag sind schon 500 Karten verkauft.” Wann kommt der Ratzke wieder? Bitte!
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