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Alltag im Reitstall

Mit Pampers das erste Mal im Sattel

01.06.2011 | 14:14 Uhr
Mit Pampers das erste Mal im Sattel
Sitzt fest im Sattel: Sabine Müller.

Schwerte. Die Saison hat begonnen. An den Wochenenden fahren adrett gekleidete Reiter ihre Pferde zu den Turnierplätzen der Region. Dass sich unter den Augen der Richter nur das Ergebnis monatelangen Trainings zeigt? Und dass das Hinreiten auf diese Prüfungen nur wenig mit dem adretten Turnier-Weiß zu tun hat? Der Alltag im Reitstall sieht anders aus.

Und: er beginnt früh. Früh am Tage und früh im Leben. Zumindest für Sabine Müller. Wer als Jüngste in einer Reiter-Familie groß wird, muss sich übers Hobby wenig Gedanken machen. Und er kommt selten auf die Idee, Eishockey oder Tennis spielen zu wollen. Pampers polsterten die ersten Runden im Sattel mit Papa Jürgen im Rücken; mit vier gab’s ein Pony. „Pitty war für uns alle da“, lacht die 21-Jährige – eben für sie und die Schwestern Christine und Steffi.

Bei Töchtern, die reiten, müssen sich Eltern wenig Gedanken um Geschenke machen. Als „Bine“ sechs war, stand Navarino im Stall – „das beste Pony auf Erden!“ Navi, sagt sie liebevoll, „war meiner. Und das Pferd mit der besten Einstellung, das ich je hatte“. Also einer, der einfach alles mitmachte, jeden Blödsinn, jede Anstrengung aber auch. Heute ist er 23 und läuft immer noch, weiß sie.

Zweifaches Gold in Aachen

Pferde kommen und gehen – im professionellen Turnier- und Ausbildungsstall. „Man muss einfach gucken, was passt“. Carlander zum Beispiel, den sie – das ist das Los der Jüngsten – von der Schwester übernommen hatte: der trug sie zur Deutschen Meisterschaft in die Aachener Soers. Gold beim Staffettenspringen mit der Mannschaft, Gold im Knock-out-Springen – Mutter Ilona hat noch heute eine Gänsehaut, wenn sie die Bilder, die Atmosphäre vor Augen hat.

Vor den Schleifen steht die Plackerei: Kurz vor sieben ist die Nacht rum. Latina (12) wird geputzt, gesattelt. Eine halbe, dreiviertel Stunde konsequentes Training. Anschließend kommt Stan, der eigentlich Spark of hope heißt, unter den Sattel. Dann: Boxen misten. Duschen, umziehen, ab zur Uni. „Es kommt schon mal vor, dass man keinen Bock hat“, sagt Sabine Müller. „Aber man reitet sie trotzdem“. Sieben Tage die Woche, sommers wie winters. Bei 20 Grad plus, bei 10 Grad minus. In der Halle, auf dem Platz, im Gelände. Weil Reiten auch etwas mit Verantwortung zu tun hat. „Man kann ja schlecht sagen: Bewegt euch heute mal selbst...“

Also wird das Ausschlafen gestrichen, das Private hintenan gestellt. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wobei: Im Sattel kann ersteres auch das Zweite bedeuten...

In der Winterpause steht Konditionstraining an, Gymnastik auf vier Beinen. Über kleinen Sprüngen werden die Pferde geschmeidig gehalten, auch bei eisigen Außentemperaturen. „Wär schön, wenn man sie im Winter einfrieren könnte“, grinst die 21-Jährige. Jetzt, im Frühjahr, geht es auch wieder auf den Parcours. Sabine reitet bis Klasse M und S – da ist die Latte schon ziemlich hoch gelegt, bei 1,25 bis 1,40 Meter nämlich.

Von den großen Sprüngen ist Corona noch ganz weit entfernt. Wer weiß, ob die Fuchsstute überhaupt ein Springpferd wird? Zumindest wird sie das erste eigene Pferd, das Sabine Müller von Grund auf ausbildet. Jürgen Müller hat die rohe vierjährige Stute von der Weide weg gekauft. „Man guckt auf Bewegung, man guckt in die Papiere. Und ansonsten kauft man einfach ein Stück Hoffnung“, sagt er.

“Alles, was das Pferd lernt, lernt es von mir.“

Ein Stück Hoffnung, das anfangs nicht mal ausbalanciert geradeaus laufen kann. Gewöhnen an Bürste, Sattel, Zaumzeug. Erstes Longieren. Dann Aufsitzen: behutsam legt sich Sabine nur in den Sattel. Zwei Tage später: die ersten Runden Schritt, viel Arbeit mit der Stimme. „Das ist eben ganz anders als bei den alten Routiniers.“ Für Corona ist alles neu, für Sabine auch. “Alles, was das Pferd lernt, lernt es von mir. Aber auch die Fehler, die man reinreitet, sind dann die eigenen“. Womit wir wieder bei der Verantwortung wären... Die trägt Jürgen Müller mit. Und einen besseren Ausbilder, sagt Sabine, allerdings so, dass es der Vater nicht unbedingt hört, könne sie sich nicht vorstellen. „Es kracht auch schon mal. Aber eigentlich hat er immer Recht...“

Ob er auch mit diesem Stück Hoffnung auf vier Hufen Recht behalten wird? Bis zum ersten Turnierwochenende von Corona ist es noch ein weiter Weg…

Anja Schröder

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