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Im Wartezimmer des Uhrendoktors

21.03.2008 | 16:00 Uhr

Schwerte. Das unüberhörbare "Tik-tik-tik-tik" kommt von dem alten Stromzähler an der Wand. Die Uhren aber schweigen, die Zeiger stehen still. ...

In der Uhrenwerkstatt von Klaus Fälker ist im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit stehen geblieben. Chronographen aller Art schmücken die Wände, füllen die Regale, warten auf dem Arbeitstisch darauf, wieder in Gang gebracht zu werden. Standuhren, die teilweise schon über hundert Jahre ihre Runden gedreht haben, Jahresuhren, die nach einmaligem Aufziehen ihre namentliche Pflicht erfüllen. Schmucke Armbanduhren, schrille Wecker, Wanduhren mit und ohne Pendel. Ein Wartezimmer für defekte Zeitmesser, verborgen im Hinterhof zwischen Blumenladen und Schnellimbiss am Cava-dei-Tirreni-Platz.

Kaputte Uhren. Sie warten darauf, in die Hände des Mannes zu geraten, der sich ihnen mit chirurgischer Präzision annimmt. Gerade liegt ein winzig anmutendes Exemplar auf dem OP-Tisch. Eine feine Damenarmbanduhr mit eingesetzten Juwelen. Sie will nicht mehr. Millimeterbreite Pinzetten und winzige Schraubendreher sind die Werkzeuge, mit denen Klaus Fälker ihr zu Leibe rückt, um ihr wieder Leben einzuhauchen. Mit seiner Lupenbrille taucht er seit beinahe fünfzig Jahren hinab in einen Mikrokosmos aus Ankern, Sekunden- und Minutenrädern, Unruhwellen und Zugfedern.

Etliche Jahre war das Schwerter Uhrgestein auf Wanderschaft, und das mit einem stark verkürzten Bein. Ein Unfall in frühester und anschließend "nicht gerade leichter" Kindheit schränkte die Berufswahl Ende der Fünfziger Jahre stark ein. Die Lehre in Dortmund begann Fälker, weil er mit seiner Behinderung eine sitzende Tätigkeit benötigte.

Tag für Tag ging es nach bestandener Prüfung mit dem Zug zur Arbeit nach Hamm. Vor 22 Jahren entschloss sich Fälker dann, sich in der Stadt

Fehlende Teile werden selbst gedreht

selbstständig zu machen, in der er seit seiner Geburt lebt. Seitdem baut er täglich Uhren auseinander, reinigt sie ("das ist meist der Grund dafür, dass eine Uhr nicht mehr richtig tickt"), tauscht Räder und Batterien aus, repariert wenn es sein muss auch schonmal ein gerissenes Armband. An seiner kleinen Drehbank fertigt der Uhrendoktor sogar selbst Teile an, die nirgendwo mehr nachbestellt werden können.

Die meisten seiner Patienten entstammen einer Generation, in der es batteriebetriebene, funkgesteuerte und auf dreihundert Meter wasserdichte Uhren noch nicht gab. Und für die ist der Geheimtipp in der Schwerter City genau das Richtige - was sich längst über die Grenzen der Stadt hinaus herumgesprochen hat.

"Ich habe Stammkunden in Hagen, Dortmund und Iserlohn", sagt Fälker nicht ohne Stolz. Und wer einmal hier war, kommt immer wieder - falls es überhaupt noch einmal nötig ist. Die Frage, ob es auch schon mal eine Uhr gegeben hat, die er nicht wieder zum Laufen gebracht hat, beantwortet Fälker nach kurzem Zögern mit einem fast schon verlegenem Kopfschütteln. Nein, nichts ist unmöglich für den Tüftler. "Schwierig wird es, wenn schon daran herumgepfuscht wurde", schmunzelt er und weiß, dass Selbstversuche der Besitzer meist nur Extrazeit kosten. Und da Zeit bekanntlich Geld ist, wird auch schon mal zu einer Neuinvestition geraten, wenn der Aufwand nicht in Relation zum Wert des Zeitmessers steht.

Auch noch nach all den Jahren an dem kleinen Tischchen: jeder zufriedene Kunde, jedes exakt funktionierende Uhrwerk bestätigen Fälker, ein schönes Handwerk auszuüben. Dennoch glaubt der 65jährige, dass es schwer werden wird, eines Tages einen Nachfolger zu finden: "Mit den alten Uhren wird auch der Beruf aussterben. Heute müssen ja meist nur noch die Batterien ausgetauscht werden."

So ändern sich die Zeiten. Zumindest außerhalb der Werkstatt von Klaus Fälker.

Von Dirk Lohse

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