Agnes-Miegel-Straße soll Namen verlieren
16.09.2011 | 01:00 Uhr 2011-09-16T01:00:00+0200
Schwerte.Die Agnes-Miegel-Straße wird einen anderen Namen bekommen. Der Ausschuss für Demographie, Stadtentwicklung und Umwelt hat sich gestern mit großer Mehrheit für eine Namensänderung ausgesprochen. Das Gremium folgte einem Antrag von SPD und Linke, die aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Nähe der aus Ostpreußen stammenden Schriftstellerin (gestorben 1964) zum NS-Regime eine Namenskorrektur gefordert hatten.
In der gestrigen Sitzung schlugen sich die Christdemokraten auf die Seite von SPD und Linke. CDU-Ratsherr Thomas Keuthen sprach über das Werk Miegels, in dem sie Nähe zur Nazi-Diktatur habe offensichtlich werden lassen. Zudem habe sie Auftragsarbeit für den NS-Staat geleistet und von der Notwendigkeit des Krieges gesprochen. Eine Mitschuld könne bei Miegel nicht ausgeschlossen werden, erklärte der Christdemokrat. Offensichtlich war der Position der CDU ein zähes Ringen innerhalb der eigenen Reihen vorausgegangen, erschienen die CDU-Vertreter doch deutlich verspätet zur Sitzung.
SPD-Ratsherr Stephan Kötter betonte, dass der Imageschaden, den die Stadt im Falle einer Beibehaltung des Namens erleiden würde, größer sei als die Nachteile, die den Anwohnern nun widerfahren könnten. Anlieger Rainer Graumann hatte zuvor eine Liste mit den Unterschriften der Nachbarn aus der Agnes-Miegel-Straße überreicht, die eine Änderung ablehnen. Bis auf einen Anwohner hatten alle unterzeichnet. Die leidige Diskussion habe bislang nur zwei Effekte gehabt: Bewohner seien in Angst und Schrecken versetzt worden. Und rechte wie linke Gruppierungen hätten Schmierereien in der Siedlung hinterlassen.
Während Graumann dazu aufrief, sich genau anzuschauen, ob Agnes Miegel wirklich eine Nazi-Verehrerin gewesen sei, schließlich kämen auch Wissenschaftler zu anderen Ergebnissen, ging Hartmut Wagner, sachkundiger Bürger der Fraktion „Die Linke“ auf aktuelle Erkenntnisse über Agnes Miegel ein. Sie sei vom Regime hofiert worden, habe Lesereisen unternehmen dürfen. Als sie 1940 der NSDAP beigetreten sei, habe dahinter kein Zwang gestanden. Sie habe Ehrungen erhalten, eine regimekritische Haltung könne man bei ihr nicht erkennen.
Wagner unterbreitete den Vorschlag, die Straße nach Anne Frank zu benennen. Das wurde am Ende zu Protokoll genommen, aber noch nicht entschieden. Stadtplaner Adrian Mork erklärte, dass die Verwaltung nun ihrerseits nach einem Vorschlag suchen werde, da es entsprechende Listen gäbe, an denen sich die Verwaltung zu orientieren habe.
Der Vorstoß von Hans-Jürgen Allendörfer, die Anwohner bei der Namensfindung einbeziehen, fand keine Unterstützung.
Rainer Graumann kündigte an, Rechtsmittel einlegen zu wollen. Aufgrund eines Urteil des Oberwaltungsgericht aus dem Jahr 2007 sieht er gute Chancen.
18:36
In Ordnung. Wer sich nicht auseinandersetzen will, hat keine Argumente mehr.
14:00
Liebe Heulboje2011,
wer solche Begriffe wie Tätergeneration verwendet, hat keinen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden. Deshalb möchte ich mich aus dieser Diskussion jetzt verabschieden.
11:13
Es bleibt leider festzuhalten, dass unsere Eltern und Großeltern die Tätergeneration war. Und lieber Deddie - die neuesten Forschungen in Sachen Vernichtungslager haben leider ergeben, dass das Wissen um die schädlichen Vorgänge verbreiteter war als sie hier bereit sind einzugestehen. Noch einmal zum Nachdenken: Ein solches perfides System der Verbrechen zu organisieren geht nicht mit Geheimhaltung. Das ist ein Märchen, das diejenigen erzählen und erzählen lassen, die von ihrer Schuld und Verantwortung ablenken wollen oder sie nicht eingestehen möchten. Da hilft kein Vergleich mit Stalin. Das macht die Sache nicht besser.
10:33
Liebe Heulboje2011,
noch einmal zum Mitschreiben: Der industrielle Massenmord in den Vernichtungslagern unterlag höchster Geheimhaltung. Zu behaupten, jeder Bürger habe davon gewußt, stellt eine unsägliche Beleidigung unserer Eltern- und Großelterngeneration dar. Machen Sie für den Stalinistischen Terror übrigens auch jeden einzelnen Sowjetbürger verantwortlich?
09:45
Was hat die Diskussion mit 68 zu tun? Glauben Sie, Deddie, wirklich, dass ein industrieller Massenmord geheim gehalten werden kann? Ist ein Konzentrationslager auf Reichsgebiet moralisch anders zu bewerten als ein Vernichtungslager außerhalb deutscher Grenzen? Gerade ihre Argumentation, ihre Haltung und Ansichten zeigen mir, dass es wichtig war, die Miegel-Straße umzubenennen und das Thema mal wieder grundsätzlich zu diskutieren. Die Unbelehrbaren scheinen nicht auszusterben...
22:50
Liebe Heulboje2011,
der absurde Kollektivschuld-Vorwurf wird durch Wiederholung nicht glaubwürdiger. Es ist die typische Altachtundsechziger-Mentalität, welche immer schon Freude daran empfand, die Generationen gegeneinander aufzuhetzen. Sie scheinen auch in keiner Weise den Unterschied zu kennen zwischen den Konzentrationslagern, die es auf dem damaligen Reichsgebiet gab und den Vernichtungslagern auf polnischem Boden. Die strikte Geheimhaltung galt übrigens für beide Arten von Lagern. Bevor man sich mit einem solchermaßen ernsten Thema beschäftigt, sollte man sich vielleicht zunächst sachkundig machen.
19:30
Die Argumentation von Deddie ist bekannt - die Geschichte geht in die Zeit nach der Befreiung 1945 zurück. Leider kann die historische Forschung diesen Hinweisen nicht folgen und es massiv Hinweise bekannt geworden, dass große Teile sehr wohl gewusst hat, was zum Beispiel mit der jüdischen Bevölkerung passierte. Es hat nur wenige interessiert. Und: Gab es in Schwerte nicht auch ein Außenlager eines KZ. Wie gelangen die Häftlinge denn dorthin? Sind unterirdische Tunnel gegraben worden, um die Zwangsarbeiter ins Eisenbahnausbesserungswerk zu bringen? Nö. Also, Deddie, Augen auf und nicht vor der historischen Wahrheit verschließen. Damit wären wir auch schon wieder beim Ausgangsthema - der Migel-Straße.
11:46
Liebe Heulboje2011,
einen derartigen Kollektivschuld-Quatsch habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Ein Großteil der Bevölkerung hat zwar die Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen erlebt, aber sicher nicht gutgeheißen. In einer derartigen Diktatur wie dem NS-Regime konnte aber jedes kritische Wort zur sofortigen Verhaftung führen. Sie hätten das sicher in Kauf genommen?! Von den Massenmorden an den Juden, die ja größtenteils während des 2. Weltkrieges stattfanden, haben hingegen nur wenige Menschen gewußt. Nicht ohne Grund befanden sich die Vernichtungslager weit entfernt vom Kern des Reichsgebietes, außerdem waren die Vorgänge dort strengster Geheimhaltung unterworfen. Wenn aber alle Menschen - wie Sie meinen - davon gewußt und die Morde zudem auch noch gebilligt haben, warum hätte man sie dann noch geheimhalten sollen?
09:42
Leute, die mit dem NS-Regime in irgendeiner Form verbandelt waren, haben sich selbst ins Abseits gestellt. Nach denen d a r f einfach keine öffentliche Straße benannt werden. Punkt. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Geht es beim Kampf um die Bezeichnung einer Straße nach Miegel nicht um den rechts-konservativen Überbau, der nach 1945 wunderbar funktionierte und alles verneinte, was nach Verantwortung und Selbstverantwortung roch? Um es noch einmal klar zu formulieren: Der NS-Staat war ein Verbrecherstaat, auf dessen Kappe ein industriell organisierter Massenmord und zigfache Kriegsverbrechen gehen. Konservative Eliten, Wehrmacht, Industrie und fast die gesamte Bevölkreung - zumindest bis zum Westfeldzug - haben mitgemacht und fanden das Morden in den KZ oder an der so genannten Front nicht großartig anstößig. Das ist der Hintergrund für eine Diskussion um einen Straßennamen. Ich nenne das erbärmlich...
21:09
Liebe Heulboje2011,
Oden an den Führer hat neben anderen auch der spätere britische Kriegspremier Winston Churchill geschrieben - nur daß dort die Weltuntergangsszenarien des Miegelschen Gedichtes fehlen. Und im Unterschied zu Agnes Miegels Gedicht handelte es sich bei Churchills Oden nicht um Auftragswerke innerhalb einer Diktatur - denen man sich kaum verweigern konnte - sondern sie spiegelten seine tatsächliche Meinung innerhalb einer Demokratie wider. Müssen nun alle Straßen, die nach Churchill benannt sind, ebenfalls umbenannt werden?