Abgesang mit Leichenschmaus
14.02.2010 | 19:08 Uhr 2010-02-14T19:08:00+0100
Ergste. Am Aschermittwoch ist alles vorbei? Denkste! Dann geht's in Ergste erst richtig los. Traditionell wird an diesem Tag nämlich der Bacchus verbrannt. Ausgangspunkt ist ab 19.30 Uhr die Gaststätte „Haus Schneider”. Und genau dort soll sich das ganze Dorf versammeln.
Diesmal jährt sich die Traditionsveranstaltung zum 25. Mal – Ergste feiert also ein kleines Jubiläum zum Abschluss des närrischen Treibens und wird wieder mächtig aufs Gaspedal drücken; so als wenn der Karneval gerade erst beginnen würde.
„Den Körper
nähe ich jedes
Jahr neu und
stopfe ihn aus.”
Derzeit sitzt der Bacchus wieder hinter der Eingangstür der Gaststätte Schneider, vor sich ein Gläschen Pils und einen Korn. Man muss die Feste eben feiern wie sie fallen, schließlich wird man nicht alle Tage verbrannt. 24 Mal hat der Bacchus das schon über sich ergehen lassen – und sieht trotzdem immer wieder aus wie das blühende Leben. Ute Schneider, Wirtin der gleichnamigen Gaststätte, hat ihm in all' den Jahren nämlich immer wieder mit einem schnellen operativen Eingriff den Kopf gerettet – und zwar kurz bevor die Kiste zugenagelt wurde. „Den Körper nähe ich aber jedes Jahr neu und stopfe ihn aus”, sagt die Gastgeberin. Ute Schneider? Oder doch Frau Frankenstein?
Jedenfalls strebt das schaurig schöne Treiben allmählich seinem Höhepunkt zu. Der Pfarrer hält die Trauerrede für den „Menschen”, der für alle Laster der karnevalistischen Tage verantwortlich zeichnet - ganz schön breit also, dieser Bacchus-Buckel.
Derweil heult sich die Witwe die Augen aus dem Kopf. Wer diesmal in die Rollen schlüpft, wollte Frau Franken..., nein, Frau Schneider nicht verraten. Aber ob es jemals wieder eine so rattenscharfe Witwe wie zuletzt geben wird? Junge, wie gut hat Eberhard Vickermann doch in diesen Weibsklamotten ausgesehen!
Wenn alles fertig, der Kopf gerettet ist und die letzten Getränke als Wegzehrung in die Mägen geplumpst sind, geht es das Lindenufer runter in die Ruhrwiesen, der Spielmannszug der SG Eintracht Ergste vorne weg. Dort wird ein Feuerchen entfacht und der Sarg mit dem kopflosen Bacchus hinein gestoßen.
Derweil labt sich die Trauergemeinde am kostenlosen Glühwein und vergisst auf diese Art und Weise alle Sorgen dieser Welt, verschmerzt den Verlust des Lumpehannes, wie der Bacchus im Rheinland genannt wird.
Und ab geht's zurück ins Lokal, wo frischer Streuselkuchen gereicht wird. Wenn der dann alle ist (was in Ergste ganz schnell gehen soll), gibt's Flüssiges auf die Gabel. Sozusagen und nicht zu knapp. In den frühen Morgenstunden hat man den Bacchus dann vergessen. Bis er knapp ein Jahr später wieder hinter der Tür sitzt, bei Pils und Korn.
Übrigens: Im letzten Jahr haben die Menschen Wirt Jürgen Schneider beim abschließenden Leichenschmaus mit größtem Schrecken lange Zeit vermisst; er wird doch nicht etwa... – na, war das eine Freude, als er aus seiner Küche kam!
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