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Familienchronik

Von Leichenklau und zwielichtigen Vorfahren

25.02.2016 | 06:00 Uhr
Von Leichenklau und zwielichtigen Vorfahren
Brigitte Birker (2. von links) hat die Chronik der Familie Birker recherchiert und niedergeschrieben. Links auf dem Bild ihr Ehemann Horst Birker, im Hintergrund stehen (von links) Jörn-Peter Schröder, Anne Peter und Ulrike Schäfer vom Verein für Heimatkunde..Foto: Andreas Gruber

Schwelm. Von Dörfern, die sich die Leichen von den Friedhöfen klauten, bis zu Ur-Ahnen, die die gesamte Nachbarschaft beleidigten: Familiengeschichte kann so spannend sein. Diese Erfahrung machte Brigitte Birker, die sich vor zehn Jahren aufmachte, Licht in die Vergangenheit der Familie Birker zu bringen. Heraus kam ein 926 Seiten dickes Werk, das es in sich hat.

In den Stadt- und Staatsarchiven hatte sie recherchiert, alte Kirchbücher durchforstet, Sterbedaten aufgeschrieben und miteinander verglichen. Ahnenforschung ist Puzzlearbeit – das hatte Brigitte Birker, die eine geborene Singscheidt ist, schon vor Jahren, als sie die Geschichte ihrer eigenen Familie niederschrieb, erfahren. Als die Chronik der Singscheids nach zehn Jahren endlich fertig war, hatte Ehemann Horst Birker ihr gesagt: „Warum schreibst Du nicht auch die Geschichte meiner Familie auf?“ Brigitte Birker ließ sich nicht lang bitten.

Erstmals aufgetaucht ist der Familienname Birker im Jahre 1547 durch einen unrühmlichen Eintrag ins Brüchenregister des Amtes Beyenburg. Das ist ein Verzeichnis, in dem früher die Strafen von Vergehen aufgelistet wurden. Ein gewisser Peter Birker ist darin gleich mehrfach vermerkt. Er beleidigte notorisch seine Nachbarschaft, nannte eine Nachbarin „sture Diebin“ und fiel immer wieder mit üblen Sprüchen auf. Brigitte Birker fand so auch heraus, dass die Familie ihres Mannes ursprünglich von einem Bauernhof in Beyenburg stammte.

Spuren der Nachfahren ließen sich in Schwelm, in Großsporkert (Wuppertal) und anderswo in der Umgebung finden. Auf der Suche nach weiteren Ahnen stieß Brigitte Birker auch auf eine spannende Geschichte aus Ronsdorf. Alte Dokumente aus Mitte des 18. Jahrhundert belegen den Clinch des Ortes mit Lüttringhausen. Leichen wurden geklaut, um den Bau eines neuen Friedhofes zu rechtfertigen bzw. ihn zu verhindern. Brigitte Birker hat all ihre Funde in spannende, aber auch unterhaltsame Episoden verpackt.

Eines Tages ereilte ein Anruf Horst und Brigitte Birker. Es meldete sich ein gewisser Gerhard Birker. Auch er betrieb Ahnenforschung, und wie sich herausstellte, stammten beide Männer von Johann Peter Friedrich Birker (1800 - 1862) aus Ronsdorf ab. Horst Birker ist ein Nachfahr des ersten Sohnes und Gerhard Birker ein Nachfahre des letzten Sohnes von Johannn Peter Friedrich Birker.

Dicht erzählt und reich dokumentiert

Brigitte Birker und Gerhard Birker fügten ihre Recherchen zu einem Ganzen zusammen, und heraus kam eine dicht erzählte und reich dokumentierte Familiengeschichte. Mehr noch: Die beiden Ahnenforscher ergänzten die Geschichte der Familie Birker um die der Familie Bruckmann und die der Familie Ellinghaus. Denn Gerhard Birker hatte eine Bruckmann geheiratet, und deren Geschichte war bereits von Artur Bruckmann erfasst, und Horst Birker war früher mit einer Ellinghaus verheiratet gewesen. Es handelt sich dabei um jene auch in Schwelm bekannte Familie, deren Vorfahren Goldwaagen-Macher waren.

So ist in dem Werk von Brigitte Birker auch jene Anekdote von Johann Casper Ellinghaus nachzulesen, der sich 1803 in Frankfurt bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen musste, weil ihm vorgeworfen wurde, dass seine Geräte nicht richtig geeicht seien. Der Verdacht wurde genährt durch das Fehlen eines Zertifikates, und dem gebürtigen Schwelmer blieb nichts anderes übrig, als unvermittelter Dinge aus der Messestadt zu flüchten.

Johann Casper Ellinghaus kehrte aber nicht ins Bergische zurück, wo ihm der Gerichtsbarkeit wegen das Berufsverbot drohte, sondern ins Märkische, wo er unbescholten blieb. Die fesselnd erzählte Episode zeugt damit nicht nur von einem unterhaltsamen Stück Familiengeschichte, sondern auch von den damaligen Zuständen und wie Recht und Ordnung zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammenhingen. Eine Ellinghaussche Goldwaage aus dem Jahr 1807 ist übrigens heute noch im Schwelmer Stadtmuseum zu sehen.

Mit der Veröffentlichung ihres Werkes, dass übrigens mit der Geburt der Enkeltochter vor kurzem endet, ist für die 69 Jahre alte Brigitte Birker nun aber Schluss. „Ich möchte nicht mehr.“ Eine weitere Familiengeschichte werde sie definitiv nicht mehr recherchieren. Was sich durch die Ahnenforschung für sie verändert hat? „Wir gehen jetzt mit einem ganz anderen Bild durchs Leben“, sagt sie.

Über ein Exemplar ihres Werkes freut sich auch der Verein für Heimatkunde Schwelm. Brigitte und Horst Birkers überreichten es diese Woche persönlich in der Geschäftsstelle an der Hauptstraße 10. Vorsitzende Anne Peter sprach von einer „großartigen Arbeit“, von einem „Nachschlagewerk“, das das bestehende Material zur Heimatkunde hervorragend ergänzt. Das Buch zeichne sich auch dadurch aus, dass es nicht nur die Geschichte der Familien erzählt, sondern immer auch das Drumherum. „Ich wollte die Zeit und die Menschen lebendig werden lassen“, erklärte Brigitte Birker. Dies ist ihr nach Meinung des Vereins für Heimatkunde gut gelungen.

Andreas Gruber

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2016-02-25 06:00
Schwelm