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Ermittlungen

Staatsanwalt ermittelt gegen Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl

17.02.2016 | 07:00 Uhr
Staatsanwalt ermittelt gegen Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl
Dieter Ehrengruber, einer der Chefs von Gut Aiderbichl, beim Adventsmarkt. Unter anderem gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft.Foto: Imago

Schwelm/Gevelsberg/Salzburg.   Als Betreiber von Gnadenhöfen macht die Stiftung Gut Aiderbichl von sich Reden. Doch es gibt Vorwürfe - die Staatsanwaltschaft Hagen ermittelt.

Prominente wie Hugh Grant und Dieter Bohlen pflegen gern Kontakte zum weltbekannten Salzburger Tier-Asyl. Jetzt ermitteln Hagener Staatsanwälte gegen Gut Aiderbichl. Plündern die Geschäftsführer alte Menschen aus? Die Spur führt nach Schwelm und Gevelsberg zu einer Unternehmerin.

Vielen Tierfreunden rund um den Globus ist das Gut Aiderbichl ein Begriff. Gerade haben die Betreiber aus einem verrufenen Stall Bandit gerettet, den Stier, der an einer kahlen Wand „unglücklich und hoffnungslos“ angekettet war und drei Tage um Hilfe gemuht hatte. 15 Millionen mal wurde das Video mit seinem Schicksal im Internet abgerufen und Zeitungen in Japan und Russland berichteten. Oder Lucky, die Labrador-Mischung. Unbekannte haben den kranken Hund ans Tor des Gutshofs bei Salzburg gebunden. Jetzt ist er in guten Händen. Er wird wieder gesund werden.

4,4 Millionen Euro Jahresumsatz

Das Gut ist eine Einrichtung, die mit 300 Mitarbeitern 26 „Gnadenhöfe“ für gebrechliche und hilfsbedürftige Vierbeiner in Österreich, Deutschland und der Schweiz unterhält und damit 4,4 Millionen Euro Jahresumsatz macht. Derzeit betreut sie 6000 Tiere – wie die einst durch ihre Flucht bekannt gewordene Kuh „Yvonne“. Prominente Fürsprecher werben für das Geschäft. Hugh Grant und Alain Delon sind dabei, Thomas Gottschalk, die Familie von Michael Schumacher oder Dieter Bohlen. Der Pop-Titan war erst im November da. Bei der Eröffnung des Weihnachtsmarkts versprach er, sich fleischloser zu ernähren – und bekannte: „Wunderbar, wenn man Tieren hilft, die in Not sind“.

Rückblick
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Doch wie gute Menschen sind die Aiderbichl-Chefs Michael Aufhäuser und Dieter Ehrengruber wirklich? Gern werben sie: „Die gemeinnützigen Gut-Aiderbichl-Stiftungen möchten über den Tierschutz hinaus den Gedanken an eine neue Humanität vermitteln“. Doch das Image der Geschäftsführer von drei wohltätigen Stiftungen, die sich seit 2001 auch aus millionenschweren Erbschaften finanzieren, ist schwer geschädigt. Es gibt den Verdacht, dass die finanziellen Grundlagen ihrer Arbeit nicht sauber beschafft werden. Die Spur führt jetzt nach Deutschland – genauer nach Schwelm und Gevelsberg. Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hagen, bestätigt: „Wir ermitteln gegen die beiden wegen Betrugs“.

Opfer der Machenschaften, so vermuten die Fahnder: Eine 83-Jährige aus Schwelm. Die Firmeninhaberin hat Aiderbichl wohl nicht nur ihr komplettes Gevelsberger Unternehmen unter zwielichtigen Umständen vermacht, dessen Firmensitz dann nach Deggendorf, dem Standort eines der „Gnadenhöfe“, verlegt wurde. Aufhäuser und Ehrengruber könnten sich nach einem Bericht des österreichischen Magazins „News“ auch schon vorher die Vollmacht über die Konten der alten Dame erschlichen haben.

Gedächtnisschwäche ausgenutzt

Darauf deuten Papiere hin, die nach einem Rechtshilfeersuchen der Wiener Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft an Deutschland durch die Commerzbank Stuttgart herausgegeben wurden. Die dort aufgeschriebenen Daten der Schwelmer Kontoinhaberin zeigen: Aufhäuser war von Januar 2012 bis Mitte 2014, Ehrengruber von 2013 bis 2014 verfügungsberechtigt. Was bedeutet, dass sie mit den Einlagen von Marion S. Geschäfte machen durften.

Haben die Tier-Hüter aus dem Salzburgischen die Kontakte ins Nachbarland geknüpft, um die altersbedingten Gedächtnisschwächen von Marion S. auszunutzen und an das Vermögen zu gelangen? Ermittler Pauli nennt keine weiteren Details der Untersuchungen, die seit einer anonymen Strafanzeige von Anfang Dezember laufen. Aber das ist eine der Fragen, die die Staatsanwälte klären müssen. Aufhäuser und Ehrengruber bestreiten parallel jede Schuld.

Es wäre nicht das erste Mal, das im Zusammenhang mit Aiderbichl der Verdacht einer so gestrickten Straftat auftaucht. 2010 soll ein damals 87-jähriger Tierfreund, der sich über den Inhalt seines Testaments nicht mehr im Klaren sein konnte, der Stiftung 1,3 Millionen Euro vererbt haben. Auch ein ganzer Hof kann nach Verdachtsmomenten der Wiener Fahnder den Eigentümer gewechselt haben. Bei einem weiteren Fall könnte Schaden von fünf Millionen Euro entstanden sein. Ob andere ältere Menschen, auch aus Deutschland, den Angeboten gefolgt sind, ist offen.

Erbschaften werden gelenkt

Empfänglich für einfühlsam geschriebene Werbebriefe jedenfalls sind viele ältere Tierfreunde. Nach einer Untersuchung des Deutschen Spendeninstituts sind 2014 mehr als eine viertel Milliarde Euro für den Tierschutz gespendet worden, fast sechs Prozent des gesamten Spendenaufkommens für Wohltätigkeit. Wilfried Britz vom Deutschen Tierschutzbund in Bonn bestätigt aber, dass nicht nur das Spenden namhafter Beträge attraktiv ist für alte Menschen, die beim Gedanken an ihren Tod an die eigenen Vierbeiner denken, sondern dass sie oft auch gleich die ganze Erbschaft in diese Richtung lenken. Vielfach würden gleich mehrere Organisationen bedacht. Britz weiß auch, wie sich das Geschäftsmodell von Gut Aiderbichl von der anderer Tierschutzorganisationen unterscheidet: „Dahinter steckt eine große Marketingmaschinerie“.

In Hagen wissen die Staatsanwälte noch nicht, wann es Klarheit über mögliche Betrugsfälle gibt. „Wir sind erst am Anfang der Ermittlungen“.

Dietmar Seher

Kommentare
14.03.2016
14:28
Staatsanwalt ermittelt gegen Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl
von Emiliane | #8

Auch ich gehöre zu den 56.000 Aiderbichlern, die das Gut Aiderbichl unterstützen - und auch bereits besucht haben. Michael Aufhauser und Dieter...
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Staatsanwalt ermittelt gegen Tierschutz-Stiftung Gut Aiderbichl
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http://www.derwesten.de/staedte/schwelm/verdacht-auf-betrug-im-namen-des-tierschutzes-id11570006.html
2016-02-17 07:00
Michael Schumacher, Thomas Gottschalk, Dieter Bohlen, Gut Aiberbichl, Tierschutz
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