Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Himmelfahrt vor 50 Jahren

Lastwagenweise landete Birkengrün vor den Häusern

12.05.2010 | 18:17 Uhr
Lastwagenweise landete Birkengrün vor den Häusern

Schwelm. Beyenburg hat sich für den Himmelfahrtstag herausgeputzt. Festhochamt, Prozession und Kirmes locken seit Generationen auch viele Schwelmer in die Gemeinde am Stausee. Edeltraud Kepper-Pleger (66) hat in ihren Erinnerungen gekramt und berichtet von Himmelfahrtstreiben in den 1950er Jahren.

„Es geht auf Himmelfahrt zu. Wir Kinder in Wuppertal-Beyenburg – besonders das Vierer-Gespann Bärbel, Reinhild, Sigrid und Edeltraud – freuen uns auf diese Zeit. Wir freuen uns auf die Himmelfahrtsprozession, diesen feierlich-kirchlichen Umzug durch den Ort und die Kirmes mit ihren vielen Buden und ihren wohlduftenden Leckereien. Die Geschäfte in Beyenburg, ob Bäcker, Metzger, Friseur oder Tante-Emma-Laden, alle stellen ihre Tische nach draußen und bieten ihre Ware an. Für uns Kinder fällt dabei immer etwas ab. Der Abend vor Himmelfahrt ist da. Ich höre und rieche es noch heute nach über 50 Jahren.

Die katholische Männerjugend klettert in den Kirchturm und fängt an zu ,,beiern” - von abends 18 Uhr bis zum Ende der Prozession am nächsten Tag. Wir interpretieren das Gebimmel immer so: ,,Beyenburg Himmelfahrt, bim, bim, bim, wer nicht in die Kirche kommt, der kommt auch nicht in den Himmel.” Und wieder von vorne. Ein echter Ohrwurm.

Und dann der Duft von frischem Birkengrün, der über dem ganzen Ort liegt. Lastwagenweise schmeißt die katholische Jugend frisch geschlagene Birkenzweige vor jedes Haus. Die Anwohner schmücken ihre Häuser, Treppen und Fensterläden damit. Fahnen werden aufgezogen und Girlanden gespannt. Beyenburg wird am Vorabend von Himmelfahrt geschmückt und herausgeputzt. Die anmutigen schwarz-weißen Schieferhäuschen mit den grünen Fensterläden grüßen aus sauberen, blumenreichen Gärten.

Überall wo Marien- und Christuskreuze stehen, und wo die Prozession Halt macht und der Priester Segen spendet, stecken die Frauen mit ihren Kindern wunderschöne Blumenkissen. Wir dürfen natürlich helfen, und Beyenburg versinkt im Duft von Blumen und Birken. Dieser Duft, dieser Frieden einer Talromantik in ländlicher, einfach Schönheit verlieh Beyenburg besonders an Feierntagen seinen besonderen Duft und Liebreiz.

Am eigentlichen Himmelfahrtstag mischte sich unter den Duft der ziehenden Prozession mit viel, viel Weihrauch der Duft von Berliner Ballen, Wurstbrühe, Backfisch und gebrannten Mandeln. Wenn man von allem kostet, was wir als Kinder ja auch taten, waren Bauchweh und Übelkeit am Abend vorprogrammiert.

Meine Kindheit in Beyenburg mit dem herben Erdgeruch des Ackers, verdient mit dem von den Höhen niederströmenden Duft der Laub- und Nadelwälder bleibt mir unvergessen. Unsere Lungen füllten sich mit den würzigen Düften, die von Kornfeldern und von frisch gepflügten Äckern herüberwehten. Ein Kartoffelfeuer im Herbst konnte es mit allen Wohlgerüchen Arabiens aufnehmen.

Ein anderer Duft gilt der Wupper, und damit verbunden natürlich der heimischen Textilindustrie mit den Färbereien und Bleichereien. Am Rande der Wupper, stehen jene feinen Blatt- und Blütengebilde, die man Maikräuter oder Waldmeister nennt, und die den Duft des Waldes in sich tragen. Wir baden und plantschen am Wupperstollen, dort wo die Nähgarnfabrik H & HÜ produziert, färbt, und natürliche ihre ,,Duftstoffe” in die Wupper ablässt.

Wir Kinder hatten Spaß beim Baden, auch wenn von der Dahlerauer Tuchfabrik oder eben von H & HÜ buntes Wasser abgelassen wurde. Es roch stark nach Chor und Kalander, so dass die Augen tränten. Aber wie hatten unseren Spaß an der Farbe, die unser Wupperwasser manchmal grün, rot oder blau werden ließ.

Wo immer man ging, unsere Wupper lebte, floss, und duftete. Für uns Kinder schaffte sie immer wieder Platz für Ideen und Kreativität.

Eine andere Kindheitserinnerung ist auch die Fahrt mit der Schwebebahn an der Wicküler Brauerei vorbei. Der Duft von Hopfen, dieses feine Aromapuder drang durch die Ritzen der Schwebebahn. Einige Schwebebahnstationen weiter die Bayer-Werke mit allen ,,Wohlgerüchen” von Chemikalien und kleinen und großen rauchenden Schloten.

Abends der Duft des Essens. Es gab Deftiges. Zwiebel, Schmalz und Bratkartoffel zu allen Tageszeiten. Auch der angenehme Duft von Opas Tabakspfeife zog durchs Haus. Und dann, wenn ich schlafen ging, im dicken Federbett, dem Plumeau, dieses Gemisch aus Eau de Cologne und Mottenpulver! Benebelt fiel ich in den tiefen Schlaf. Typisch zu der Zeit für die Schlafzimmer in Beyenburgs Häusern.”

Edeltraud Kepper-Pleger

Facebook
 
Kommentare
15.05.2010
08:38
Lastwagenweise landete Birkengrün vor den Häusern
von Balou99 | #1

Top-aktuell ist es es schon, unser heimatliches Portal. Der jüngste Beitrag ist gerade mal 4 Tage alt. Eine reife Leistung! Zum Glück haben wir ja noch die beliebten Artikel aus Hagen, sonst brauchte man diese Seite gar nicht mehr zu öffnen.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2977122/create

Aktuelle Fotos und Videos
Freibadsaison in Schwelm eröffnet
Bildgalerie
Schwelmebad
Sommerliche Athmosphäre beim Straßenfest in der Schwelmer Kirchstraße
Bildgalerie
Straßenfest Kirchstraße
Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt im Hülsenbecker Tal
Bildgalerie
Christi Himmelfahrt
Viele nutzten die Sonne für Treffen am Vatertag
Bildgalerie
Vatertag im Südkreis
Aus dem Ressort
Klassen-Engel sollen ein Vorbild sein
Schwelm
Melina und Maximilian strahlen. Beide sind in blaue T-Shirts gekleidet, die sie einerseits stolz tragen, andererseits auch für alle Schüler und Lehrer der Katholischen Grundschule Südstraße als Klassenengel erkennbar machen.
Polizeilicher Mähauftrag für Behörde
Schwelm
Der Landesbetrieb Straßen.nrw kommt seiner Aufgabe, der Pflege des Straßenbegleitgrüns längs der auf Schwelmer Stadtgebiet verlaufenden Bundes- und Landesstraßen, nur unzureichend nach. Jetzt hat es die Landesbehörde deshalb sogar mit der Kreispolizeibehörde zu tun bekommen. Auf Anordnung der