Das aktuelle Wetter NRW 11°C
Schwelm

Ironische Apokalypse durch Überalterung

27.04.2007 | 17:04 Uhr

Schwelm/Ennepe-Ruhr.

Das Wort "Demografie" können mittlerweile auch die Jüngsten unfallfrei aussprechen. Einer der Initiatoren der Untersuchungen zur alternden Gesellschaft in Deutschland stellte seine Thesen nun in Schwelm vor: Dr. Frank Schirrmacher sprach bei der Mitgliederversammlung des Märki-schen Arbeitgeberverbandes im Haus Freidrichsbad unbequeme Wahrheiten an.

Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hatte mit seinem Bestseller "Das Methusalem-Komplott" aus dem Jahre 2004 als einer der ersten die Veränderung der deutschen Gesellschaft und damit auch Wirtschaft erkannt, 2006 legte er mit seinem Buch "Minimum" nach und schrieb von der Auflösung der Familie als Keimzelle. Hintergrund: niedrige Geburtenrate und Überalterung. "Dafür hat man das Wort 'Langlebigkeitsrisiko' gefunden", sagte der 47-Jährige und stellte zu Beginn seiner Ausführungen fest: "Deutschland hat kein demografisches Problem, wir alle sind es bereits und stellen es dar."

Klare Worte. Zu beschönigen und zu vernebeln gebe es nichts, auch wenn Schirrmacher hin und wieder nach optimistischen Facetten sucht. Er findet sie selten, während er eine Statistik nach der anderen auf die Zuhörer abfeuert. "Halten Sie durch, der erste Teil wird hart", warnt der Publizist. Doch die Situation verlange trockene Fakten zum Bewusstwerden, dass erstmals in der Geschichte bald die Mehrheit der Gesellschaft alt sein wird und die Jüngeren die Minderheit darstellen. Diese Entwicklung habe 1972 begonnen (seither liegt die Sterbe- über der Geburtsrate) und kulminiere jetzt. "Die schrumpfende Bevölkerung in Europa ist noch nicht einmal das Problem, aber das strukturelle Verhältnis von Jung zu Alt stimmt nicht."

Kein Horrorszenario, sondern Realität. Der "point of no return" sei erreicht. "Sie leben hier in einer begnadeten Gegend, anderswo ist es schlimmer, etwa im Spreewald." In seine unterhaltsamen Beispiele fügt er den Retro-Trend in der Musikbranche, Ausflüge in die USA mit dem Seniorenland Florida und zum derzeitigen Alters-Spitzenreiter Japan ein. 2030 wird Deutschland dann die älteste Bevölkerung darstellen vor Österreich, Italien und Spanien. Ändern lasse sich das nun nicht mehr, aber sein Appell an die Unternehmen lautet: "Bringen Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Agenda."

Apokalypse und Humor Auch von Apokalypse ist hypothetisch die Rede, wenngleich in humoristischer Form bzgl. Schlagzeilen der großen deutschen Tageszeitungen: "FAZ mahnt zur Besonnenheit." Der Mangel an jungen, qualifizierten Arbeitskräften stehe bevor. Eine weitere Pointe: "Wir bräuchten 190 Millionen Zuwanderer, um 2040 das Rentenniveau von heute zu halten." Also umdenken, die Gesellschaft neu aufbauen, neue Märkte erschließen, dies als Chance - etwa für Familienunternehmen - wahrnehmen, die Alten weiter in Betriebe integrieren. "Es ist bewiesen: Arbeit macht jung."

Galgenhumor taucht auf, als Schirrmacher mit der Mär aufräumen will, dass Deutschland der geburtenschwächste Staat in Europa sei. "Der Vatikan liegt noch vor uns . . ."

Von Steffen Gerber

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1956719/create

Aktuelle Fotos und Videos
Freibadsaison in Schwelm eröffnet
Bildgalerie
Schwelmebad
Sommerliche Athmosphäre beim Straßenfest in der Schwelmer Kirchstraße
Bildgalerie
Straßenfest Kirchstraße
Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt im Hülsenbecker Tal
Bildgalerie
Christi Himmelfahrt
Viele nutzten die Sonne für Treffen am Vatertag
Bildgalerie
Vatertag im Südkreis
Aus dem Ressort
Klassen-Engel sollen ein Vorbild sein
Schwelm
Melina und Maximilian strahlen. Beide sind in blaue T-Shirts gekleidet, die sie einerseits stolz tragen, andererseits auch für alle Schüler und Lehrer der Katholischen Grundschule Südstraße als Klassenengel erkennbar machen.
Polizeilicher Mähauftrag für Behörde
Schwelm
Der Landesbetrieb Straßen.nrw kommt seiner Aufgabe, der Pflege des Straßenbegleitgrüns längs der auf Schwelmer Stadtgebiet verlaufenden Bundes- und Landesstraßen, nur unzureichend nach. Jetzt hat es die Landesbehörde deshalb sogar mit der Kreispolizeibehörde zu tun bekommen. Auf Anordnung der