Entschädigung für eine gestohlene Kindheit
15.11.2007 | 20:50 Uhr 2007-11-15T20:50:26+0100Ennepetal. Die Evangelische Stiftung Loher Nocken steht vor einer großen und nicht leichten Aufgabe: "Wir wollen unsere Vergangenheit aufarbeiten", so Leiterin Doris Gringel.
Von Sabine Nölke Es gibt Gründe: Einer davon heißt Wolfgang Focke. Der 61-Jährige lebt heute in der Nähe von Detmold und hat große Wut im Bauch. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Ennepetal in der Evangelischen Stiftung Loher Nocken. Prügel, Demütigung und sexueller Missbrauch sei ihm dort widerfahren, klagt er an und wendet sich an die Öffentlichkeit. Erinnern könne er sich noch gut daran, dass der damalige Heimleiter ihn am Duschtag zur Bestrafung sexuell missbraucht habe. So berichtete er: "Er packte uns ans Geschlechtsteil, fummelte daran herum, bis das Ding etwas steif wurde..." Dann habe man mit der Hand etwas über den nackten Po gekriegt. "Denn ich war wieder einmal entwichen, vor drei Tagen zurückgebracht, aber die Bestrafung gab es erst, wenn wir nackend unter der Dusche standen. Der gleiche Mann rief mich eine halbe Stunde später in sein Büro, nahm einen auf den Schoß und sagte ,Ich wollte das ja nicht, aber Strafe muss sein' - und es gab ein Stück Schokolade. Und das alles im Namen der Kirche und der Nächstenliebe, wenn das nicht pervers war. Ich weiß es nicht."
Zusammen mit Leidensgenossen im Verein ehemaliger Heimkinder fordert Wolfgang Focke nun eine Entschädigung vom Staat.
Seine Vorwürfe richten sich nicht nur gegen die Einrichtung Loher Nocken. Auch in anderen Heimen - seine Heimkindheit begann mit drei Jahren - sei er geschlagen und als billige Arbeitskraft ausgenutzt worden.
So berichtete er der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, dass er 1961 im Martinshof in Dorlar bei Meschede "unter dem Dach der St. Petri Kirche untergebracht war, als einer von 36 Jungen auf einer Fläche von 70 Quadratmetern. Da gab es nur ein einziges Klo, und das war im Glockenturm untergebracht. Wenn die Glocken ertönten, seien einem fast die Ohren geplatzt. Wolfgang Focke hat keine Anzeige erstattet, auch nicht gegen die Einrichtung Loher Nocken. Er sah keine Chance. Focke geht bewusst an die Öffentlichkeit, fordert Entschädigung für eine gestohlene Kindheit vom Staat. Die jetzige Leiterin der Evangelischen Stiftung Loher Nocken, Doris Gringel, weiß um die erschütternde Erziehungspraxis in manchen kirchlichen Kinder- und Jugendheimen in den 50er und 60er Jahren.
"Auch bei uns sind sicherlich Dinge passiert, die nicht in Ordnung waren. Doch zwischen der damaligen und heutigen Welt liegen Welten." Es gebe keinen Anlass, den Vorwürfen Fockes nicht zu glauben. "Wir wollen offensiv damit umgehen und unsere Vergangenheit aufarbeiten", so Doris Gringel.
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