„Ich bin doch gar nichts wert“
26.12.2011 | 18:14 Uhr 2011-12-26T18:14:00+0100
Schalksmühle. Da ist Tom, der Journalist aus Lüdenscheid, der jetzt in Radevormwald arbeitet. Vor drei Jahren hat er über die Aktion geschrieben, bei der Hans Peter Osterkamp an Heiligabend Überlebenstüten an die Ärmsten der Armen verteilt. Inzwischen zählt er zum Team und verbringt diese Nacht so ganz anders als die meisten Menschen.
Es ist Heiligabend 18 Uhr. Ein Transporter und zwei Pkw verlassen das Gelände des Seniorenparks Reeswinkel. Es ist stockdunkel. Von Romantik keine Spur. Von wegen „Leise rieselt der Schnee“. Es ist nasskalt und ungemütlich. Die Autos sind vollgepackt mit Lebensmittelmitteln, Kleidung, Spielzeug für Kinder, Schulsachen für solche Familien, die ihre Kinder nicht mit eigenen schönen Tornistern zur Schule schicken können.
Grenzenlose Dankbarkeit
Gleich wird es noch ungemütlicher. Besuch bei einem Mann, der vor zwei Jahren seine Frau verloren hat. Es ist dunkel. Der Strom ist abgeklemmt. Schlimme Zustände, über die sich Hans-Peter Osterkamp im Einzelnen nicht weiter äußern möchte. „Ich hätte dort keine halbe Stunde verbringen können“, sagt er. Grenzenloses Staunen und Dankbarkeit bei dem Beschenkten. „Warum kommen Sie gerade zu mir? Ich bin doch nichts wert“, zitiert Osterkamp den Mann.
Gerade solche Menschen sind an Heiligabend Ziel von Hans-Peter Osterkamp und Co. Sie besuchen Menschen, die von Hartz IV leben, Männer und Frauen, die in unvorstellbare Armut, in Alkoholsucht oder in den Sumpf anderer Drogen abgerutscht sind und sich nicht befreien können. Und Kinder. 50 Mädchen und Jungen waren es in diesem Jahr. Sie können sich kaum vorstellen, wie ihre wohl behüteten Altersgenossen Weihnachten feiern. „Das geht unter die Haut“, sagt Hans-Peter Osterkamp. In 25 Jahren ist dem 62-jährigen ehemaligen Leiter des Lüdenscheider Amalie-Sieveking-Hauses kein dickes Fell gewachsen. Solange sind er und seine Helfer an Heiligabend mit den Überlebenstüten unterwegs. Andere haben schon vor Jahren bei ihrer ersten Tour das Handtuch geworfen.
Leid und Elend nur schwer auszuhalten
Die emotionale Anspannung angesichts des Elends hat sie überwältigt. Leid, Elend und Mittellosigkeit sind eben nur schwer auszuhalten.
Dennoch: Der Heiligabend 2011 war für Osterkamp und sein Team wieder ein Geschenk. Sie werden angetrieben vom Glauben an Gott und davon, dass sie Gottes Liebe gerade an einem solchen Abend an die Ärmsten der Armen weitertragen müssen. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, zog ein junger Mann, der am Samstag zum ersten Mal dabei war, Bilanz. Er wird wiederkommen. So wie Tom, der Journalist, der vor Jahren eigentlich nur über eine Hilfsaktion schreiben wollte.
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