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Gisela Behrendt

Zahl der Bedürftigen steigt rasant

12.02.2010 | 23:00 Uhr

Rees. Unsere Stadt ist längst keine Insel der Seligen mehr. Das stellen die Vertreter der Kirchen fest, die immer häufiger mit dem Problem der Armut konfrontiert werden.

Von ihren Erfahrungen berichten Pfarrer Norbert Stephan von der evangelischen Kirchengemeinde, Pastoralreferent Ludger Dahmen und Wilfried van de Kamp, Sozialberater der Caritas. Die beiden Kirchen arbeiten in Rees seit mehr als zehn Jahren auf diesem Feld in einem ökumenischen Projekt zusammen.

Die Not in Zahlen

Zunächst einmal die offiziellen Zahlen: Während der Sozialberater in seinem Büro an der Kirchstraße im Jahr 2008 Gespräche mit 160 Ratsuchenden führte, waren es im vergangenen Jahr schon 190. Die Statistik sagt weiter: 23 Prozent leben allein, 26 Prozent sind Alleinerziehende, 4 Prozent leben bei den Eltern, 29 Prozent sind verheiratet, 13 Prozent leben zusammen. „Auffällig für uns ist der rasante Anstieg der Bedürftigkeit in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen und der über 65-Jährigen”, hat van de Kamp festgestellt, der neben der Wirtschaftskrise auch persönliche Veränderungen wie Krankheit oder Heimunterbringung dafür verantwortlich macht.

Bedürftigkeit wird überdies oft zufällig entdeckt. „Ich merke etwa bei Geburtstagsbesuchen, dass hier etwas nicht stimmen kann”, berichtet Stephan. Oft genug hat er dann von Älteren gehört: „Zum Sozialamt gehe ich nicht. Das schaffe ich schon irgendwie.” Andere versuchen, sich mit zwei Minijobs über Wasser zu halten, die aber kein regelmäßiges Einkommen garantieren. Dann benötigen sie mal 25 Euro bar auf die Hand, um die Reparatur des Mofas, mit dem sie zur Arbeit fahren, bezahlen zu können. Vor Weihnachten besuchten Dahmen und Stephan 70 Bedürftige, die alle als Geschenk einen Gutschein eines Warenhauses erhielten. Matratzen wurden für Menschen besorgt, die in den Wohncontainern auf dem Boden schliefen. Oder sie konnten einem autistischen Kind die Hippotherapie bezahlen. Ebenso das Mittagessen für Kindergartenkinder, Freizeiten, Klassenfahrten oder die Rechnung, wenn der Strom abgestellt wurde. Und manchmal erhalten sie sogar etwas von den Zuschüssen zurück. „Denn wir geben den Menschen nicht ständig Geld oder Gutscheine, sondern ermuntern sie zur Beratung und zeigen ihnen Wege zur Selbsthilfe auf”, erläutert Ludger Dahmen den Ansatz, Hilfeleistungen mit sozialer Beratung zu verknüpfen. Aber es sind aus ihrer Sicht vor allem die Arbeitsplätze für geringer Qualifizierte, die dringend benötigt werden.

Zudem fehlen kleine, bezahlbare Wohnungen für Alleinstehende. Daher führt die evangelische Kirche zurzeit erste Gespräche mit der Fachklinik Horizont, um mittelfristig den ehemaligen Patienten zwei bis drei Wohnungen in ihren Häusern am Markt zur Verfügung zu stellen. „Aber da stehen wir erst am Anfang, denn die Menschen benötigen dann eine weitergehende Betreuung”, führt Stephan aus.

Auch gibt es immer wieder private Helfer, die einfach einen Geburtstagskuchen backen, jemandem ihr Auto zur Verfügung stellen oder den Männern der Kirche eine Geldsumme mit den Worten zustecken: „Sie wissen schon, wofür.” Denn eine Stärke findet man gerade in den Kirchengemeinden: In den Gottesdiensten und Gruppen sind noch Menschen aller Schichten vertreten. Denn neben der Linderung der materiellen Armut gilt es dort, das Gefühl von Miteinander zu vermitteln.

Gisela Behrendt

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