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Was für ein Mensch ist Gülsüms Bruder Davut?

27.11.2009 | 19:00 Uhr
Was für ein Mensch ist Gülsüms Bruder Davut?

Rees. Was für ein Mensch ist Davut S.? Mit dieser Thematik beschäftigte sich die Jugendkammer des Klever Landgerichts an den vergangenen zwei Tagen des Gülsüm-Prozess. Davut muss sich dort wegen Mordes an seiner Drillingsschwester verantworten. Nun werden Details aus seinem Leben bekannt.

Ausführlich hat sich Prof. Dr. Norbert Leygraf mit dem angeklagte Drillingsbruder und dessen Schuldfähigkeit beschäftigt. Gestern wurde Margret van Bebber von der Jugendgerichtshilfe, ebenso in der Außenstelle des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Kreisjugendamtes im Reeser Rathaus tätig, gehört, die die Entwicklung Davuts beleuchtete.

Gülsüm S. wurde nur 20 Jahre alt

Davut, geboren am 21. Februar 1989 in Mardin in der Türkei, war nicht der Erstgeborene, aber der erste Sohn und Liebling der Mutter, die ihn sehr verwöhnte. Seine Eltern verließen die älteren Kinder allerdings, um nach Deutschland auszureisen. Den jüngsten Sohn U. nahmen sie mit. Davut reiste mit seinen Geschwistern erst etwa ein Jahr später im August 1996 nach. Was ihn hart getroffen haben muss: Er sah seine Mutter nicht wieder. Sie war im Juni bereits verstorben.

Außenseiter in der Grundschule

Vater Yusuf kümmerte sich alleine um die sechs Kinder, mit denen er im Asylbewerberheim lebte. Offiziell kam seine zweite Frau 1999 nach Rees, mit ihr hat er aber schon 1998 das erste Kind. In der Grundschule fühlte sich Davut unwohl, er beherrschte die Sprache nicht, war schlecht gekleidet. „Im Asylbewerberheim zu wohnen galt in seinen Augen in Rees als Stigma”, so van Bebber. In der Hauptschule war Davut ein guter Schüler.

Dass er allerdings, anders als seine Drillingsschwester Z. nicht die Qualifikation in die Klasse 10b schaffte, muss ihn unheimlich geärgert haben, auch weil sein Vater ihn deswegen Vorwürfe machte. Davut brach nach der ersten Hälfte der Klasse 10a die Schule ab. Da er seine Schulpflicht erfüllt hatte, wurde ihm nahegelegt, die Schule zu verlassen. Denn er kam kaum noch zur Schule, war seinen Praktikumspflichten nicht nachgekommen.

Druck wurde ihm zuviel

Er jobbte er in einer Pizzeria, von dem Geld machte seinen Führerschein, arbeitete bei einer Zeitarbeitsfirma in Bocholt, bis diese im November 2008 keine Arbeit mehr für ihn hatte. Sein Vater habe immer höhere schulische Abschlüsse gefordert. Der Druck wurde ihm irgendwann zuviel, er wollte alleine leben. „Trotz eigener Wohnung blieb er immer im Verbund der Familie”, so van Bebber. Allerdings wurde er als Jugendlicher zweimal straffällig, wegen gemeinschaftlichen Diebstahls und Sachbeschädigung.

Oft hielt Davut sich im Reeser Jugendhaus auf. Es war seine feste Anlaufstelle. Ansonsten schwankt er zwischen zwei Welten, und zwischen seiner und der Familie seiner Freundin. Mit dem Mädchen aus Kalkar war er seit 2007 zusammen, ließ sich auch von ihr beeinflussen, aber eine feste Zukuftsplanung gab es nicht.

Jetzt in der Justizvollzugsanstalt sei er sehr fleißig, höflich, zuverlässig und habe sich bereits in der Werkstatt zum Vorarbeiter hochgearbeitet. Überhaupt sei er immer bemüht gewesen, ein positives Bild von sich abzugeben.

Seine letzte Version

In der Haftanstalt klage er über Schlafstörungen, leide unter Haarausfall und verstehe nicht, wie es zur Tat kommen konnte. Er leide sehr unter der Tat. Margret van Bebber gegenüber blieb er bei der Version, die er auch Prof. Leygraf gestanden habe: Miro habe ihn zur Tat gedrängt. Er habe zuvor Whisky und Wodka konsumiert, die er überhaupt nicht vertrage. Anfangs habe er seine Schwester gedrosselt, dann sei ihm zu Bewusstsein gekommen, was gerade dort geschehe. Er wollte zurückfahren. Miro habe seine Hände gefesselt und gedroht, dass er, wenn Davut etwas sagt, ihm und Angehörigen seiner Familie etwas antue. Leygraf kommt zu dem Ergebnis, dass der Alkoholkonsum keinen Rauschzustand verursacht habe, im Sinne einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung.

Leygraf: Ob er als Jugendlicher oder als Erwachsener einzustufen sei, hänge auch vom Urteil ab. Hab er die Tat im Auftrag des Vaters verübte, dann sei seine Abhängigkeit größer als wenn er die Tat alleine oder mit Miro durchgeführt habe. Dann nämlich sei er als Erwachsener zu beurteilen. Auf jeden Fall sei er voll schuldfähig.

Von der Familie ausgegrenzt

Einen wichtigen Aspekt brachte Margret van Bebber vor. Er habe seine Schwester nicht töten wollen, aber dass die Familie Heimlichkeiten vor ihm hatte, hätte ihn zutiefst getroffen. „Er fühlte sich von der Familie ausgegrenzt”, so Margret van Bebber. Für sie steht Davut zwischen zwei Welten und zwischen zwei Entwicklungsstufen: „Im Fall einer Verurteilung kommt die Jugendstrafe für ihn in Frage.”

Der Brief an die Freundin

In einem Brief, den Davut an seine Freundin geschrieben hat und der gestern vor Gericht verlesen wurde, schrieb er: „Ich habe keinen Grund mehr dich anzulügen. Ich will, dass du die Wahrheit erfährst. Ich sage das nicht nur, damit du mir weiter schreibst. Warum ich das nicht bei der Polizei gemacht habe? Ich habe Angst davor etwas zu sagen und dadurch Menschen, die draußen sind, zu gefährden." Und: "Ich nehme keine Drogen.”

Elisabeth Hanf

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