Tiefe Bestürzung in Viareggio miterlebt
03.08.2010 | 15:00 Uhr 2010-08-03T15:00:00+0200
Haldern.Mit Viareggio verbindet Winfried Stöwer in erster Linie angenehme Erinnerungen.
Dort stellt er häufig sein Wohnmobil auf dem Campingplatz ab, um Tochter, Schwiegersohn und seine drei Enkel zu besuchen, die in dem italienischen Badeort leben. Kürzlich hat der ehemalige Schulleiter der St. Vincentius-Grundschule aus Mehr doch noch hautnah miterlebt, welch tiefe Bestürzung und Trauer die Zugkatastrophe am Tyrrhenischen Meer ausgelöst hat. Mit Ehefrau Mechtild und Enkel Paolo war er im Stadion der 64 000 Einwohner zählenden Stadt und hat dort an einer Gedenkstunde ein Jahr nach dem Feuerinferno teilgenommen. „Mein 19-jähriger Enkel hat uns mitgenommen. Zum Zeitpunkt des Unglücks war er mit seinem Motorino ganz in der Nähe des Unglücksortes unterwegs“, so Stöwer. Seit Februar 2006 ist der Pädagoge im Ruhestand. Wie nutzt er seine neue Freiheit? Die NRZ hat nachgefragt.
Nicht erst durch die Heirat ihrer Tochter haben die Stöwers Italien kennengelernt. „Wir waren dort schon früher unterwegs, oft mit dem Wohnmobil“, erzählt Stöwer. Dafür ist jetzt mehr Zeit. Ein Mal hat er sich in seiner aktiven Phase einen vierwöchigen Urlaub gegönnt, nun kann er auch länger wegbleiben. Oder bei Kurzreisen die sehr viel moderateren Preise während der Vor- oder Nachsaison nutzen. „Schöner Nebeneffekt: Auf diese Weise lernt man neue Leute, meist im gleichen Alter kennen“, sagt Stöwer.
Isabell Allendes Stil sagt ihm heute mehr zu
Nicht nur das Reisen hat Stöwer intensiviert, auch das Lesen. Ein Buch von Isabell Allende – die Autorin sagte ihm früher nicht so zu – liegt gerade neben seinem Lesesessel. „Vielleicht“, mutmaßt er, „ist es die Muße, dass ich diese Lektüre jetzt erst genießen kann.“ Stöwer kauft nicht nur Bücher, er hat auch von gleich zwei Büchereien einen Leseausweis.
Der Schule hat er zweieinhalb Jahre den Rücken gekehrt. Dann war er wieder im Klassenzimmer. „Freiwillig.“ Er hat seinen früheren Kollegen angeboten, einmal wöchentlich den Förderunterricht zu übernehmen. „Das entlastet die Kollegen, macht mir Freude und ich helfe den Kindern“, sieht er für alle Vorteile. Vor allem die Schüler profitieren vom Unterricht. „Sie spüren, dass ich ohne Druck arbeite, das überträgt sich auf sie und sie lernen viel entspannter“, hat der 69-Jährige beobachtet.
Stöwer genießt, dass er seit seiner Pension keinen fremdbestimmten Termindruck mehr hat. „Termine gibt es, aber die mache ich mir selbst“, sagt er schmunzelnd. Dennoch bleibt das ein oder andere an ihn hängen, ist er doch Abteilungsleiter Tennis beim SV Haldern und immer noch Mitglied im Verband Bildung und Erziehung. Und dann ist da noch sein 400 Quadratmeter großer Garten. Auch den hat Stöwer jetzt mehr im Blick, wässert, düngt, schneidet die Hecke.
Sportlich hat Stöwer etwas zurückgefahren, wandert und radelt noch, spielt aber nicht mehr so oft Tennis. „Ich muss meine Gelenke schonen, ich will das ja noch ein bisschen länger machen...“
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