Karnevalshasser sind rar
22.01.2008 | 19:32 Uhr 2008-01-22T19:32:22+0100BRAUCHTUM. In Rees kann man sich kaum dem närrischen Trubel entziehen. Es sei denn, man verreist über die Feiertage.
REES. Jeden Tag Karneval in der Zeitung! Helmut Wesser, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat, gibt zu, diese Berichte weitestgehend zu ignorieren. Es sei denn, im Sitzungskarneval werden lokalpolitische Themen aufgerollt. "Das kann ja ganz witzig sein", findet der gebürtige Halderner und schaut dann doch mal über die Zeilen. Als Kind hat sich Helmut Wesser noch gerne verkleidet, heute meidet er eher den Trubel. Wer Karneval nicht mag, hat es in diesen Tagen schwer. Aber genauso schwer gestaltet es sich, in Rees einen eingefleischten Karnevalshasser aufzutun.
Denn das ist Helmut Wesser nun doch nicht. Wenn seine Frau nämlich im Rosenmontagszug mitläuft, steht Helmut Wesser auch mal am Straßenrand. "Aber freiwillig besuche ich keine Veranstaltung, auch nicht Altweiber im Bürgerhaus."
Rosenmontag gab's kein schulfrei
Seine SPD-Ratskollegin Gisela Behrendt hat mit Karneval wenig im Sinn. Gebürtig in Hattingen ist sie ohne Fasching groß geworden. Danach auf dem Gymnasium in Bochum war Rosenmontag sogar Unterricht. Auch später als Hauptschullehrerin gehörte sie nicht gerade zum Organisationsteam vom Schulkarneval. Und wenn sie in ein Kostüm schlüpfte, dann nur, weil es die Fetenordnung verlangte. Heute als Marketingberaterin ist sie froh, Rosenmontag ungestört arbeiten zu können, ohne dass das Telefon klingelt.
Auch Pastor Norbert Stephan, der aus dem Ruhrgebiet stammt, hatte, bevor er nach Rees zog, keine Beziehung zum Karneval. Und ist auch als Kind noch nie in ein Kostüm geschlüpft. Doch als er die Pastorenstelle in Rees antrat, besuchte sein Frau plötzlich die Karnevalsveranstaltung der kfd. Und beide schauten sich den Rosenmontagszug an. "In diesem Jahr haben wir sogar Gäste, die den Zug mit angucken, und wir sind zu einer Kostümparty eingeladen, die Mitglieder des Gemeindechors veranstalten", freut sich Pastor Stephan. Nein, ein Karnevalshasser sei er keineswegs.
Ein Fest für Kinder
Vesilia Sürücü, Leiterin des Jugendhauses in Millingen, hat sich als Kind gerne verkleidet, wenn auch ihren Eltern Karneval völlig fremd ist. Aber heute kann sie mit Karneval überhaupt nichts mehr anfangen. "Besonders, dass sich die Leute dabei so betrinken, gefällt mir überhaupt nicht. Aber für Kinder ist es ein schönes Fest." Deshalb wird sie sich auch den Umzug anschauen. Aber nicht mitfeiern.
Im Agnes-Heim wird ausgiebig Karneval gefeiert. Aber Leiterin Ingrid Mierzwa kennt inzwischen die Vorlieben ihrer Mitarbeiterinnen. Und die werden beim Dienstplan, soweit möglich, berücksichtigt.
Nicole Reuken ist in diesen Tagen ausgesprochen umworben von den Kolleginnen. Die 39-jährige Altenpflegerin aus Wesel hat nämlich mit Karneval nichts am Hut und übernimmt gerne Altweiber und Rosenmontag den Dienst. Und wenn im Altenheim Karneval gefeiert wird, immer eine Woche vor Altweiber, denn dann sind die Aktiven noch nicht anderweitig verpflichtet, dann ist für Nicole Reuken "Jeans und Fischerhemd" das höchste der Gefühle in Sachen Kostümierung,. "Aber unsere Senioren möchten ja auch feiern, also darf man berufsbedingt nicht kneifen. Und schunkeln geht ja gerade so eben noch."
Frank Schwarzkopf ist genau der richtige Ansprechpartner für Reeser, die vor dem Karneval fliehen. "Den freien Rosenmontag nutzen viele für einen Kurzurlaub", erzählt der Inhaber des gleichnamigen Reisebüros am Markt. Denn auch er zieht es vor, mit seiner Frau und den Söhnen über die närrischen Tage ins Sauerland zu reisen. Er selbst hat sich zwar als Kind verkleidet, aber dann dem Karneval den Rücken gekehrt. "Wenn man selbstständig ist, sind solche ,Feiertage' ideal, um rauszukommen", findet Schwarzkopf, der auch samstags arbeitet.
Die Kunden reisen in diesen Tagen besonders gerne nach Mallorca, aber auch Städtereisen nach Hamburg und Berlin werden angetreten. Ganz aktuell sind in diesem Jahr Kurztripps nach Barcelona.
Sagt nicht das Sprichwort: "Wie der Herr, so's Gescherr"? Und da ist Rees eine Karnevalshochburg. Bürgermeister Dr. Bruno Ketteler ist ein begeisterter Karnevalist. So springt überall im Rathaus der närrische Funken über, sogar bei seiner Sekretärin, die aus Ostdeutschland stammt. Pressesprecher Frank Postulart ist nicht bekannt, dass Kollegen vor Karneval kneifen.
Die Volksbanker mit Vorstand Holger Zitter und dem Reeser Hauptstellenleiter Ralf Bister sind eh' bekennende Karnevalisten, die nicht nur sponsern sondern auch gerne mitfeiern.
Dirk Siebers, neuer Leiter der Stadtsparkassen-Filialdirektion Rees, wird in diesem Jahr erstmals in Union mit der Stadtverwaltung das Altweiberfest im Bürgerhaus ausrichten. Und Thekendienst übernehmen. "Ich freue mich schon auf die Karnevalsfete. Wir gehen natürlich alle geschlossen kostümiert ins Bürgerhaus."
In Rees nicht in den Bann des Karnevals gezogen zu werden, scheint fast unmöglich.
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