Gülsüm trauerte erster Ehe nach
01.12.2009 | 21:15 Uhr 2009-12-01T21:15:00+0100Rees/Kleve. Für den Strafverteidiger von Yusuf S., Siegmund Benecken, war es ein großer Tag. Die Medien, so erzählte er, stürzten sich auf ihn, da er auf dem NRZ-Foto im Prozess neben dem Ausbrecher Michael Heckhoff saß.
Immer wieder kam er gestern am Rande des Gülsüm Prozesses auf Heckhoff und seinen Komplizen, den er vertreten hatte, zu sprechen. Was ihn wohl beflügelte, die Kammer mit immer neuen Anträgen und Vorwürfen zu traktieren.
So hatte Benecken die zweitältester Tochter des mit-angeklagten Yusuf bewegen können, als Zeugin auszusagen und von ihrem ersten Zeugnisverweigerungsrecht Abstand zu nehmen – um ihren Vater zu entlasten. Was auffiel: Sie blickte weder zum Vater noch zum Bruder. Als sie später unter Tränen von ihrer Familie sprach, weinte allerdings Davut kurzfristig.
Flüssig spulte die Schwester die Geschichte um Gülsüm herunter, ohne zu stocken, nur bei Daten war sie unsicher. Als sie allerdings behauptete, Gülsüm hätte einen Selbstmordversuch unternommen, da sie es nicht verkraftet hatte, dass der mit ihr in der Türkei verheiratete Mann nicht nach Deutschland kommen wollte, da er eine andere Frau bevorzugte, wunderte sich der Vorsitzende Richter Christian Henckel und reagiert auf befremdetes raunen aus der Zuhörerschaft.. „Ich frage mich ernsthaft, ob wir die Befragung fortsetzen sollen. Ich höre hier eine Diktion heraus.” Das brachte Benecken auf die Palme: „Sie sind ja befangen!! Weil sie den Vater für mitschuldig halten!” Doch Henckel konterte: „Ich habe nur aus Fürsorgegründen gefragt.”
Sie war enttäuscht
Schließlich hatten sich alle wieder beruhigt. Die Schwester führte ihre Schilderung fort: Gülsüm hatte bei Mc Donald's Altin kennen gelernt. Erst hätte sie das Verhältnis zuhause verschwiegen, später wurde Altin dem Vater und allen Geschwistern vorgestellt. „Vater war nicht begeistert, aber er wusste, dass Gülsüm aus Enttäuschung einen Selbstmordversuch unternommen hatte, also akzeptierte er die Verbindung.” Später ergänzte sie unter Tränen: „Gülsüm wollte, trotz Freund, immer wieder zurück zu ihrer Familie. Vater war streng, er hat sie geschlagen, aber es gab auch schöne Tage zu Hause.” Vater Yusuf soll Gülsüm sogar zu ihrer Schwester nach Kleve gefahren haben, als der nächste „Heiratskandiat”, der Vetter Mehmet aus Hannover, in Rees vorsprach. „Um sie vor ihm in Sicherheit zu bringen. Denn sie liebte Altin und wollten keinen anderen heiraten.”
Von der Abtreibung habe der Vater gewusst. „Danach hat er Gülsüm fast liebevoll behandelt”, so die Schwester gestern. Auf keinen Fall sollte Davut von der Schwangerschaft erfahren. Er hätte einmal erwähnt, wenn „einer der Geschwister so einen Fehler begeht, dann ist sie tot.” Aber, so die Schwester, „wir haben nie daran geglaubt.” Davut hätte es gerne gesehen, wenn Gülsüm jetzt ihren Vetter geheiratet hätte. Übrigens: Der Vetter soll von Gülsüm erfahren haben, dass sie schwanger war. „Davut war vielleicht verärgert, dass man ihm Familienangelegenheiten verheimlicht hatte.” Sie selbst habe nach der Tat nie mit Davut über eine mögliche Täterschaft gesprochen. Ihren Vater schilderte sie als einen besorgten Vater, der versuchte, die früh verstorbene Mutter zu ersetzen. „Er wollte immer nur für seine Kinder da sein.”
Keine Demenz oder psychische Störung
Gleich zweimal besuchte Chefarzt Dr. Martin Wenzel zwecks Gutachten Vater Yusuf jetzt in der JVA in Kleve. Wenn sensible Dinge zur Sprache kamen, hätte Yusuf agitiert und emotional gewirkt, zwar gäbe es leichte Störungen im Kurzzeitgedächtnis, einiges wirke auch bewusst demonstriert. „Keinerlei Symptome weisen auf Demenz oder Schwachsinn hin”, so Wenzel, der Yusufs Verteidiger widersprach. Auch beim Computertomogramm gab es keine Hinweise auf einen pathologischen Befund. Bei seinem zweiten Besuch hatte Yusuf eine weitere Untersuchung abgelehnt. Was er dem Gutachter, da die Dolmetscherin noch nicht zugegen war, in fließendem Deutsch mitteilte.