Es gibt Ungereimtheiten
24.10.2009 | 09:45 Uhr 2009-10-24T09:45:00+0200Wuppertal/Rees. Davut Semin, der wegen des Mordes an seiner Drillingsschwester festgenommen wurde, sitzt in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal. Gleich um die Ecke von Strafverteidiger Jochen Thielmann, den die NRZ besuchte.
Der allerdings vertritt den Mitangeklagten Miro, der in Düsseldorf inhaftiert ist.
Dem 32-jährigen Russen wird laut Anklage vorgeworfen, gemeinsam mit Davut die Schwester in das Wäldchen in Groin gelockt zu haben, um sie dort erst mit einer von Miro mitgebrachten Leine gedrosselt und dann ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert zu haben. Beide sollen ihr die Holzknüppel massiv ins Gesicht gestoßen haben.
Nachdem Davut in der ersten Vernehmung die Tat geleugnet hatte, gab er sie bei seiner zweiten zu und nahm die Schuld auf sich, „weil er sich vor dem Russen fürchtete, der sehr brutal sein soll”, so sein Anwalt Hans Reinhardt, den die NRZ bereits in Marl besuchte. Jetzt schweigt Davut. Sein Anwalt argumentiert so: Davut habe die geplante Tat nicht übers Herz bringen können und von ihr abgelassen. Daraufhin habe der Russe das Kommando übernommen, den stark alkoholisierten Davut an einen Baum oder Stumpf gebunden und die Tat alleine ausgeführt.
Daran glaubt Thielmann nicht
Über diese Argumentation lächelt der Wuppertaler Strafverteidiger Jochen Thielmann amüsiert. Er wurde gleich, nachdem Miro verhaftet wurde, als Pflichtverteidiger berufen. Das war zwei Wochen nach dem Mord. Zu dieser Zeit hielten sich Davut und sein Vater noch in der Türkei auf, wo Gülsüm beerdigt wurde.
Miro ist 32 Jahre alt und kam im Jahr 2007 nach Rees. Er ist ledig, ein russischer Zigeuner, der ohne Eltern aufwuchs und vagabundierte. Im Asylbewerberheim am Melatenweg lernte er Davut kennen, mit dem er auch nach dessen Auszug befreundet war.
Was Miro belastet, ist ein Knopf, der am Tatort gefunden wurde. An seiner Jacke, die die Kripo später in seinem Zimmer entdeckte, fehlten mehrere dieser Knöpfe. Und darauf basiert auch die Anklage. Thielmann hat allerdings Zweifel: „Etwas passt in der Geschichte nicht: Wenn Gülsüm gedrosselt worden sein soll, wieso finden sich dann im Obduktionsbefund keine Merkmale am Hals?”
Thielmann: „Ich frage mich nur, wenn Gülsüm getötet werden sollte, da sie die Familienehre verletzt hat, warum holt sich die Familie dann einen Zeugen dazu. Sie müssten doch damit rechnen, dass Miro auspackt.” Das tut er eben nicht. Er schweigt. „Aber er ärgert sich sehr, dass sein Freund ihn belastet. Mir hat er glaubhaft versichert, nicht am Tatort gewesen zu sein.” Thielmann hat einen guten Kontakt zu ihm aufgebaut.
Gemeinsam in der Spielhalle
Thielmann nennt noch ein Argument, warum es unwahrscheinlich ist, dass der Russe Davut gefesselt hat: Am Mordabend waren beide gegen 23 Uhr zusammen in der Spielhalle an der Florastraße. Was Videoaufnahmen und eine Zeugin belegen. Trifft man sich, nachdem der Freund die Schwester umgebracht hat?
Fest steht auch, dass Davut seinen russischen Freund kurz vor dem Mord angerufen hat, Miro den Anruf aber nicht angenommen hat. Der zweite Anruf erfolgte gegen 20.20 Uhr, vermutlich nach der Tat.
Kurz vor Prozessbeginn werden die DNA-Auswertungen mehr Aufschluss geben. Wenn DNA von Miro am Knüppel festgestellt wurde, ist eine Mittäterschaft oder Beihilfe nicht auszuschließen. „Meiner Meinung nach reicht der Knopf als Beweis nicht aus”, so Thielmann. „Er könnte ja bewusst dort hingelegt worden sein, um den Russen ins Spiel zu bringen.” Der bleibt bei seiner ersten Aussage, nicht am Tatort gewesen zu sein. „Schließlich ist er der einzige, der kein Motiv hat!” Allerdings auch kein Alibi.
Sollte Miro an der Tat beteiligt gewesen sein, wäre auch Blut auf seine Jacke gespritzt. „Blut ist sehr schwer zu entfernen”, wartet Thielmann gespannt auf die Ergebnisse, die hoffentlich Aufschluss geben.
Davuts Gutachter Prof. Dr. Norbert Leygraf setzt sich mit zwei Möglichkeiten auseinander. Entweder hat Davut alleine gehandelt, dann hat er sich derart von der Familie abgenabelt, dass er einem Erwachsenen gleichzusetzen und somit voll strafmündig ist. Wurde er jedoch vom Vater instrumentalisiert, müsste er als Jugendlicher eingestuft werden. Dann aber liefert er seinen Vater ans Messer. Er steckt in der Zwickmühle.
In einer Sache ist sich Thielmann, der durch die Verteidigung eines Al-Qaida Sympathiesanten bekannt wurde, sicher: „Hier wird wieder alles im Dunklen bleiben, denn die Familie ist nicht daran interessiert, dass der Fall geklärt wird.”
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