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Soziales Jahr

Eine Schatzkiste fürs Leben

12.08.2009 | 00:10 Uhr

Rees. Beatrix Veenstra ist aus einer ganz anderen Welt wieder in Rees aufgetaucht. Und muss tief Luft holen, um nach einem Jahr intensiver Sozialarbeit in der bolivianischen Hauptstadt La Paz Abstand von ihrer Arbeit zu gewinnen.

Eine Arbeit, in die sie viel Herzblut investiert und „die mein Leben reich beschenkt hat”. Was sie tröstet, ist der Rhein. Und vielleicht das Haldern Pop Festival.

Als die NRZ im Juli 2008 von den Plänen der Reeserin berichtete, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien absolvieren wollte, war Beatrix Veenstra voller Vorfreude. Eine Woche nach ihrer Rückkehr hängt ihr Herz immer noch an den Menschen, die sie auf den Straßen von La Paz betreut hat.

Engagierte Volontäre

Mit drei weiteren Volontären teilte sich Beatrix Veenstra in der Hauptstadt eine Wohnung. „Zuerst war immer einer von uns krank, denn die Umstellung auf 4000 Meter Höhe war groß.” Kopfschmerzen, Erkältung, Magen-Darm-Infekte mussten überstanden werden. „Dennoch erschien jeder von uns täglich pünktlich im Büro der Hilfsorganisation Vamos Juntos, um Aufgaben entgegenzunehmen.” Und dann ging es auf die Straße.

Drei Vereinigungen von Schuhputzern wurden ihr zugewiesen. Schuhputzer sind durchaus nicht nur Männer, ganze Familien bemühen sich, so ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. „Die einen meistern ihr Leben, andere schaffen es nicht”, resümiert die Reeserin. „Die Schuhputzer arbeiten mit einer Wollmütze mit Augenschlitzen, um nicht erkannt zu werden. Sie werden nämlich von den Kunden diskriminiert.”

Die Volontäre sollen den Schuhputzern zur Seite stehen, sie zum Arzt, zur Apotheke oder zum Anwalt begleiten und ihnen ein Sparkonzept vermitteln. „Was die Menschen am dringendsten benötigen? Man soll ihnen zuhören. Sie wollen ernst genommen werden und ihre Nöte mitteilen können.”

Als Beatrix nach La Paz kam, waren ihre Spanischkenntnisse dürftig. Sie belegte Sprachkurse, aber das meiste lernte sie von den Schuhputzen. „Sie waren stolz darauf, mir Spanisch beizubringen”, berichtet die 19-Jährige. „Das ist meine deutsche Freundin!”, titulierten sie Beatrix oft stolz vor Kunden. Manchmal sind es Studenten, die sich so Geld fürs Studium dazuverdienen, oft sitzen Frauen mit kleinen Kindern auf der Straße und putzen, aber auch fünfjährige Kinder müssen oft arbeiten.

Wer fleißig ist, kann 40 bis 50 Bolivianos (5 Euro) am Tag verdienen. „Wenn wir mit den Schuhputzern sprechen, versuchen wir, ihnen klarzumachen, dass es Sinn macht, etwas Geld beiseite zu legen.” So notierte Beatrix in einem Ringbuch, wer ihr am Tag wieviel Geld gegeben hat. „Es kam auch vor, dass Schuhputzer am Nachmittag das Geld zurückhaben wollten.” Dennoch konnte sie vielen den Vorteil eines Ersparnisses vermitteln.

Eine der von ihr betreute Gruppe hatte massive Alkoholprobleme. „Erst dachte ich, zu ihnen finde ich nie einen Zugang.” Das Gegenteil war der Fall. Sie hatten Beatrix ins Herz geschlossen und wollten sie sogar zum Flugplatz bringen. Und so ist es ihr Wunsch – im Herbst beginnt sie mit dem Studium Soziale Arbeit in Köln – ein Auslandssemester in Bolivien einzuschieben, um dort ein Projekt zur Alkoholberatung durchzuziehen

Selbst gewienert

Genug Arbeit gibt es für die Schuhputzer. Die Leute kommen aus den Nachbarstädten, wo die Straßen staubig, nicht asphaltiert sind. Vor der Arbeit lassen sie sich ihre Lederschuhe putzen, Tag für Tag.

Auch Beatrix selbst hat das Schuhputzen erlernt, weiß Glanz aufs Leder zu bringen. Zum Abschied haben ihr die Schuhputzer einen „Cacha” geschenkt, eine einfache Holzkiste, in der sie Schuhcreme, Bürsten, Handschuhe und Lappen aufbewahren. Zärtlich streicht Beatrix über die Kiste, an der so viele Erinnerungen hängen. "Ein Schatz an Erfahrungen für mein Leben." Wenigstens ihrem Vater kann sie mit glänzendem Schuhwerk eine Freude bereiten.

Elisabeth Hanf

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