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Kirchengeschichte

Ein Schmuckstück aus Samt und Gold

24.12.2012 | 12:00 Uhr
Ein Schmuckstück aus Samt und Gold
Monika Nürnberg ist Diplom-Restauratorin für Textilien.Foto: Maria Raudszus

Köln/Rees.   Wertvolle Kasel der Kirchengemeinde St. Mariä Himmelfahrt Rees wurde in Köln restauriert. 2013 soll das Gewand aus dem 16. Jahrhundert wieder nach Rees gebracht werden.

Rotes Weinlaub rankt sich über dem Reliquienbeutel, ein weißer Drache bahnt sich auf dem Stoff seinen Weg. Monika Nürnberg hat den kostbaren Beutel aus dem 14. Jahrhundert nicht einfach auf den Tisch gelegt, sondern ihn auf säurefreies Seidenpapier gebettet, das noch durch darunter liegende Pappe gestützt wird. Mit einer winzigen halbrunden Nähnadel zieht die diplomierte Restauratorin für Textilien feine Seidenfäden über eine schadhafte Stelle im Gewebe. „Halbrund ist die Nadel, damit ich den wertvollen Stoff bei der Arbeit nicht anheben muss“, erklärt sie. Genau so hat es ausgesehen, als die Kölnerin, die im Institut für historische Textilien arbeitet, die Kasel der Kirchengemeinde St. Mariä Himmelfahrt Rees restauriert hat. Derzeit ruht das liturgische Gewand aus dem 16. Jahrhundert – wieder von säurefreiem seidigen Papier umgeben – in einer Box und wartet auf seine Rückkehr von Köln nach Rees.

Das soll voraussichtlich 2013 geschehen. „In der Reeser Kirche gilt es zunächst, eine Aufbewahrungssituation zu schaffen, die sicherstellt, dass diese Kasel und weitere wertvolle Textilien im jetzigen Zustand konserviert werden“, erklärt Dr. Gudrun Sporbeck, Kunsthistorikerin und seit 1999 mit der Leitung des Kölner Instituts für historische Textilien betraut. Im kommenden Jahr will sich die St. Mariä Himmelfahrt-Gemeinde diverse Schubkästen und eine Vitrine anschaffen, in denen die wertvollen Paramenten in kontrolliertem Klima – bei einer relativen Luftfeuchte von 55 Prozent – vor weiterem Verfall geschützt bleiben.

Für festliche Liturgie angefertigt

Dass die in Köln restaurierte Kasel aus dunkelrotem Seidensamt mit aufwendiger Goldstickerei einen besonderen kunstgeschichtlichen Wert darstellt, beweist schon die Tatsache, dass sie im Frühjahr dieses Jahres den Weg in die Ausstellung „Goldene Pracht - Mittelalterliche Schatzkunst in Westfalen“ in der Domkammer der Münsteraner Kathedralkirche St. Paulus fand. „Eine Kasel, die für die festliche Liturgie angefertigt worden ist“, ist Gudrun Sporbeck sicher. Sie vermutet sogar, dass die Kasel eigens für die Weihnachtsliturgie angeschafft wurde, wo sie im Schein der vielen Kerzen ihre Schönheit und Pracht voll entfalten konnte.

Erstmals angelegt hat sie vermutlich ein Priester, der ein Hochamt zelebrierte in dem im Jahre 1460 gegründeten Birgittenkloster in Marienbaum, dem kleinen niederrheinische Ort, der sich bis ins 17. Jahrhundert zu einem blühenden und weithin bekannten Wallfahrtsort entwickelte.

Das lässt sich aus einigen Indizien herleiten. Dicht unter dem Querbalken des goldfarbenen Kaselkreuzes auf der Rückseite des Gewandes weisen zwei Wappen auf das Stifterpaar hin: des auf Burg Wissen ansässigen Ritters Wessel III. von Loë (nach 1565-1625), Kammerpräsident des Herzogs Johann Wilhelm, und seiner Frau Sophia von Haes († 1629). Zwei Töchter des Stifterpaares standen dem Kloster zu jener Zeit als Äbtissinnen vor.

Kasel schlummerte im Schrank

Zudem verweisen die Rundmedaillons aus Vorder- und Rückseite auf die Heilige Birgitta von Schweden (1303-1373). Dort sind Szenen aus dem Leben Jesu und Maria zu sehen, darunter im Zentrum des Kaselkreuzes die Darstellung der Geburt Christi. Diese Szenen beziehen sich auf die Visionen der schwedischen Heiligen. Vor der Säkularisation muss die Kasel dann irgendwann nach Rees gekommen sein.

Hier schlummerte das Gewand in einem Schrank, bis die Deutsche Bischofskonferenz Ende der 70er-/Anfang der 80er-Jahre veranlasste, die Kunstdenkmäler nach und nach zu inventarisieren. „Ein erheblicher Aufwand, muss man dafür doch jede noch so kleine Kirche aufsuchen“, so Dr. Sporbeck. Im Zuge dieser Inventarisierung stieß man im Sommer 2010 in Rees auf zwei sehr wertvolle Messgewänder, ein Ornat aus goldfarbenem Samt mit Granatapfelmuster aus dem 19. Jahrhundert und das Ornat aus dem 16. Jahrhundert, bestehend aus Chormantel, zwei Dalmatiken (Messgewänder für Konzelebranten), Stolen, Manipelen, also kurzen Stolen, einem Kelchvelum und eben der schon erwähnten weinroten Kasel. „Alles war so aufbewahrt, dass es für die bereits angegriffenen Messgewänder auf Dauer weiter schädigend gewesen wäre“, so Dr. Sporbeck.

Geschichte soll durchscheinen

Die Paramenten wurden mit aller Vorsicht ins Kölner Institut geschafft, der Staub abgetupft, die Schadstellen mit passend eingefärbter Seide unterlegt, mit Seidenfäden überfangen. „Aber wir restaurieren nicht, wir konservieren“, erklärt Dr. Gottfried Stracke, Geschäftsführer des Institutes. Denn es geht den Fachleuten nicht darum, den originalen Zustand wiederherzustellen, sondern vielmehr darum, die Geschichte der historischen Textilie durchscheinen zu lassen.

„Wir sind auch nicht so gut wie die Stickerinnen im Mittelalter, wir würden also interpretierend eingreifen“, macht Dr. Gudrun Sporbeck klar. Restaurationen, die beispielsweise im 19. Jahrhundert vielfach von den Schwestern vom Armen Kinde Jesu ausgeführt wurden, werden als in die Geschichte weisende Spuren belassen. Diese Ordensgemeinschaft unterhielt in ihren Konventen in Aachen, Köln und im niederländischen Simpelveld Werkstätten.

Die Ordensfrauen hatten eine derartige Könnerschaft beim Restaurieren entwickelt, dass sie vor allem bei besonders wertvollen Ornaten um Hilfe ersucht wurden. Dr. Sporbeck: „Es ist davon auszugehen, dass sie auch die Kasel aus dem 16. Jahrhundert aus Rees kannten.“

Zu schmale Bügel

Ihr Gittermuster versetzter Spitzovale mit stilisierten Granatapfelmotiven hatte vor allem an den Schultern gelitten. „Weil Messgewänder meist auf zu schmalen Bügeln gehängt werden“, erklärt Kunsthistoriker Dr. Stracke. Daher musste Restauratorin Monika Nürnberg vor allem dort die Seide unterlegen, Goldfäden wieder einfügen. „Auch an der Vorderseite gab es einige Schadstellen, weil dort das Gewand durch die Handlungen des Priesters mehr beansprucht wurde und weil es gegen den Altartisch stößt, somit mehr Abrieb hat“, erklärt sie. 30 bis 40 Stunden hat sie damit zugebracht, die Kasel zu konservieren.

Die in feiner Lasurstickerei ausgeführten Besätze mussten ebenfalls wieder fixiert werden. Es liegt nahe, dass es sich hier um Arbeiten der in Lier im niederländischen Brabant um 1540 tätigen Werkstatt des Gommert Minten handelt. „Darauf schließen wir, weil sie ihre unmittelbare Parallele in den Stickereien haben, die in der Riswick-Kapelle des St. Viktor-Doms zu Xanten haben“, so Dr. Gudrun Sporbeck. Eine von vielen historischen Details, die für das Kölner Institut ganz selbstverständlich zur Restauration gehören. Diese umfasst nämlich nicht nur die materialbezogene Konservierung, sondern auch die kunsthistorische Analyse – womit der Stoff quasi in die Kunstgeschichte eingebettet ist.

Von Maria Raudszus


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