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Mordprozess

Bruder war der Vollstrecker

29.12.2009 | 19:23 Uhr
Bruder war der Vollstrecker

Kleve/Rees. Mit Spannung erwartet der Strafverteidiger von Davut S., Hans Reinhardt, die Urteilsverkündung. Denn er geht von einem Urteil mit Signalwirkung aus. Umringt von vier Kamerateams formuliert er die Bedeutung der Rechtssprechung.

„Das erste Mal in Deutschland steht der Spiritus Rector vor Gericht. Bisher wurde der Anstifter nie mit angeklagt und wenn, dann freigesprochen”, so der Jurist. In diesem Fall ist es der Vater der im März ermordeten Gülsüm (20).

Reinhardt kann mit dem Urteil leben, das kurze Zeit später Richter Christian Henckel verkündet: Weil Davut nach dem Jugendstrafrecht zu neun Jahren und sechs Monaten verurteilt wird. Davut hat seine Schwester brutal umgebracht. „Die Begründung des Richters ist schlüssig, ich glaube kaum, dass meine Kollegen mit einer Revision durchkommen”, sagt Reinhardt.

Seine Kollegen, das ist zum einen Siegmund Benecken, der den Vater vertritt. „Lebenslang”, lautet das Urteil, das Benecken nicht nachvollziehen kann: „Ein absolutes Fehlurteil.”

Und auch das Urteil, sieben Jahre und sechs Monate für den Freund Miro, genannt der Russe, der aus Aserbaidschan stammt, nehmen seine Anwälte nicht unwidersprochen hin. „Revision”, sagt Verteidiger Jochen Thielmann kurz.

Miro selbst flucht laut, muss von seiner Dolmetscherin und Justizbeamten beruhigt werden. Er schreit Davut mit unflätigen Worten an und droht: „Dein Leben gehört mir.” So übersetzt es die Dolmetscherin. Wenn Miro während des Prozesses wütend wurde, so der Richter, dann weil er sich vom Freund verraten fühlte.

Gespannte Stimmung

Vater und Sohn haben auch dieses Mal ihr Gesicht mit Kapuzen verdeckt, auch Miro versteckt sich. Alle Beteiligten wirken vor der Verhandlung ernster als sonst. Allen ist bewusst, dieses ist ein wichtiger Tag in der Rechtssprechung. Und wer nach dem Plädoyer des Staatsanwaltes Martin Körber noch Zweifel hatte, ob die Beweise ausreichten, den Vater zu verurteilen, den überzeugte gestern die schlüssige Urteilsbegründung von Henckel: „Die drei Angeklagten tragen die Verantwortung für dieses Verbrechen. Gülsüm wurde durch ihren Vater und ihren Bruder ermordet. Vater und Sohn haben diese Tat gemeinsam geplant und arrangiert. Davut hat diese Tat selbst vollzogen, unter tatkräftiger Mithilfe des Angeklagten Miro. Gülsüm wurde heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen ermordet.”

Die Beweisaufnahme war nicht einfach, da „um die Tat eine Mauer des Schweigens aufgebaut wurde”, besonders von der Familie. Wenn man jedoch alle Indizien wie Puzzleteile aneinanderfügt, dann ergäbe sich ein schlüssiges Bild, so der Vorsitzende Richter.

Nicht vorstellbar sei, dass Davut die Tat alleine begangen habe. Hätte Gülsüm wirklich eine Bedrohung im Bruder gesehen, warum sei sie dann zu ihm in die Wohnung gezogen? Und natürlich wusste Davut, dass sie keine Jungfrau mehr war. Es war keine spontane Tat, der Mord war gut überlegt und vom Vater eingefädelt. Für seine psychische Unterstützung brauchte Davut den Beistand von Miro. Dass Miro nur mitgemacht habe, da ihm 100 Euro versprochen worden waren, ist denkbar. „Er wird verurteilt, weil wer skrupellos die Tat gefördert und geschehen lassen hat.” Davut wurde Vollstrecker eines von ihnen gefällten Todesurteils.

ONLINE Weitere Fotos unter DerWesten.de/Rees

Elisabeth Hanf

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