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Vortrag zu Carl Schmitt

Liebesgeschichten und Imperien

22.09.2008 | 18:31 Uhr
Liebesgeschichten und Imperien

„Liebesgeschichten gleichen Imperien” , zitierte Dr. Rüdiger Voigt Milan Kundera, besonders bekannt durch seinen Roman um die „Leichtigkeit des Seins”. So leicht zu verstehen war der Vortrag des Professors zur Großraumtheorie von Carl Schmitt nicht.

Dr. Gerd Giesler (Berlin), 1. Vorsitzender des Ende 2006 gegründeten Carl-Schmitt-Fördervereins Plettenberg, begrüßte den Referenten Freitag abend im Rathaussaal. Die Vorstellungen Schmitts hätten, so Dr. Giesler, Aktualität gewonnen z. B. durch Vorstellungen der Terrorabwehr Schäubles oder den Georgien-Konflikt. Der Förderverein wollte, so Dr. Giesler weiter, das Andenken des bekanntesten Plettenbergers pflegen, "mitnichten planen wir, ihm ein Denkmal zu setzen."

Die Großraumtheorie des umstrittenen großen Philosophen aus dem kleinen Plettenberg stand im Mittelpunkt des Vortrags. Eigentlich sensationell, wie im Zuge der immer fortschreitenderen Globalisierung, Durchdringung von Ideen und des kaum wenn gar nicht kontrollierbaren Geldflusses das Großraum-Denken Carl Schmitts plötzlich an Bedeutung gewonnen hat. Noch faszinierender: Es gibt Links-, Rechts- und Establishment-Schmittisten (Armin Mohler zitiert). Interessierte man sich bisher eher in Südeuropa, Lateinamerika und Südostasien für Schmitt, kommt er immer mehr auch in der angelsächsischen Welt in Mode.

Gerade der eher trockene Duktus von Professor Voigt verdeutlichte die Unausweichlichkeit einer neuen Weltordnung. Mit ungewissem Ausgang? Der Referent, der in diesem Jahr ein neues Buzch zu "CS" herausgab ("Großraum-Denken. Carl Schmitts Kategorien der Großraumordnung"), macht da dem aufrechten europäisch geprägten Demokraten wenig Hoffnung: USA, Russland, China und Indien (Reihenfolge der Macht wird sich noch herausstellen) scheinen Imperien der Zukunft, wobei gerade die Vereinigten Staaten die imperiale Rolle schon "erfolgreich" übernommen haben. Wie sonst wäre der jetzt auch ungeniert geäußerte Anspruch der USA auf "vorbeugenden Angriff" (Preemptive Strikes), das Umgehen der Rechte anderer, natürlich schwächerer, Staaten zu erklären?

Einen großen Raum Vortrag des Politik- und Rechtswissenschaftlers nahmen Position und Zukunft Europas ein. Wirtschaftlich ein Gigant (bereits ein Großraum?), politisch ein Zwerg, baut es sich durch seine heute eigentlich nicht mehr duldbaren, Energien kostenden nationalistischen Eitelkeiten ("Der klassische Nationalstaat befindet sich auch in Europa in der Zange") und Uneinigkeiten selbst seine Barrieren. Die verhindern, dass es als wirklicher Großraum einmal mithalten könnte in einer Welt bedeutungsvoller Großräume, egal, wie sie sich künftig darstellen. Europa könnte von Amerika lernen - und mit einer eigenständigen Politik als Ergebnis einer raumumgreifenden politischen Idee (statt der bisherigen unscharfen Mehrdeutigkeiten) ausschließlich europäische Interessen verfolgen.

Für Dr. Voigt müsste es in so einem einigen Europa einen EU-Präsidenten als einheitliche Spitze, sozusagen eine "einzige Telefonnummer" als autorisierten Ansprechpartner nach außen geben. So könnten alleingängige Verwirklichungsversuche einzelner Staaten verhindert werden. Handlungsfähig wäre ein starkes Europa auch nur über eine gemeinsame Regierung als politisches Entscheidungszentrum, in dem schnell, verbindlich reagiert und vor allem auch agiert werden könnte. Last not least, so betont Dr. Voigt, werde sich Europa in einer Welt, wie sie sich heute bietet und noch weiter entwickeln wird, nie ohne eigene Streitkäfte unter einheitlichem Oberfehl - mit eigenen Atomwaffen und Langstreckenraketen, die nötig Autorität verschaffen. Zur Zeit verhinderten die Verpflichtungen gegenüber der NATO und die Kontrolle der USA eine schlagkräftige Armee. Außerdem wollten Großbritannien und Frankreich ihre Atomwaffen Europa nicht zur Verfügung stellen. Ohne diese Prämissen besitze Europa nur wirtschaftlich Raum-Charakter, zumal mit jeder Erweiterungsrunde die einstigen Möglichkeiten des gemeinsamen Kernbestands (sechs Altmitglieder der EWG) in den Bereich der Utopie rücken.

Geduld und nochmals Geduld (in Jahren, besser in Jahrzehnten denken) scheint das Kriterium des kritischen Betrachters einer politischen Entwicklung, auf die die "Kleinen" immer wenig Einfluss haben. Der Zusammenschluss solcher Kleinen zum Bund mit den Chancen Großer scheint einzige Lösungschance. Professor Voigt sieht Carl Schmitts Großraum-Theorie mit seiner Zeit geschuldeten Elementen; sie müsste an das Heutige angepasst werden, wäre aber geeignet, den globalen Machtkampf um eine neue Weltordnung besser verstehen zu können.Abschließend eine Frage aus dem Publikum: Ob es denn möglich wäre, dass ein nicht demokratischer Staat (Reich, Imperium, Großraum?) weltweit Macht gewinnen könnte?" Der Referent ganz trocken: "Eindeutig - ja!" Etwas Trost zum Schluss: "Die Reise nach Plettenberg lohnt sich immer noch..." (Zitat Hegel-Forscher A. Kojeve).

Marlis Denkert

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