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Kleines Haus erster großer Schritt zu würdevollem Leben

23.12.2007 | 15:06 Uhr

Weligama. Der Himmel ist grau. Aus düsteren Wolkenungetümen schütten mächtige Regenfälle auf die trostlose Hütte hinab. Durch rissige Dachziegel tropft es auf den nackten Lehmboden. ...

... Schnell fließen Rinnsale aus dem tristen Holzverhau hinaus in den klebrigen Matsch und münden in schlammige Pfützen. durch eine Pappwand abgetrennt.

Kavinda guckt ganz traurig aus seinen großen, schönen braunen Augen. Regenwasser rinnt an der dreckigbraunen, wackeligen Wand aus braunem Pappkarton hinunter und spritzt auf seinen Schlafplatz, der sich dahinter verbirgt. Wie so oft muß der siebenjährige Schüler sich dort in der pappigen Feuchtigkeit zusammenrollen, die schneeweißen Zähne zusammenbeißen und irgendwie versuchen einzuschlafen, denn am nächsten Morgen muss er fit sein für die Schule.

Kavindas Vater Priyantha ist einer der vielen Tagelöhner, der versucht, seine Familie mit Gelegenheitsjobs irgendwie durchzubringen. Er hilft auf Baustellen aus, verdingt sich auf Plantagen. Wo immer er einen Job ergattern kann, er nimmt ihn klaglos an. An guten Tagen verdient er bis zu 500 Rupien, das sind im Moment rund 3 Euro.

Aber leider findet Priyantha nur Arbeit an regenlosen Tagen, denn wenn der Regen stürmt, gibt es keine Außenjobs. Weligama liegt genau in der Schnittstelle von zwei Monsunzeiten. Das heißt im Klartext, dass etwa gute acht Monate lang Regenstürme toben und nur rund vier Monate lang die Sonne scheint.

Da fällt es schwer, für eine Familie zu sorgen. Kostete ein Laib Weißbrot, das 500 Gramm wiegen soll, aber oft nur 450 g leicht ist, vor 2 Jahren noch 12,50 Rupien, so müssen die Menschen dafür heute mindestens 30 Rupien aufbringen. Die Preise, sprich Lebenshaltungskosten, steigen fast täglich. Es herrscht eine anhaltende Inflation in diesem Dritte-Welt-Land, in dessen Norden Krieg herrscht, unter dem die gesamte Bevölkerung zu leiden hat. Das ist der erbarmungswürdige Alltag für Kavinda, seinen zweijährigen Bruder Sakun und seine Eltern. Leben in bitterer Armut im ländlichen Sri Lanka. Kavinda lebt in Denipitiya, einem Dorf, das zu Weligama im Süden der Insel gehört. Keine Spur von tropischer Romantik unter wiegenden Palmen.

Trotz aller Bürden haben Vater Priyantha und Mutter Nilunka es vor vier Jahren mühsam geschafft, sich diese zugige Holzhütte zusammenzuzimmern. Ein Aufstieg aus dem absoluten Elend - sie hausten bis dahin in einer finsteren, bröckeligen Lehmhütte. Viele Väter verzweifeln an ihrem aussichtlos scheinenden Schicksal - der Armut. Sie sehen keinen anderen Ausweg außer der fatalen Flucht in den Alkohol oder auch Selbstmord, wenn sie sich im Schuldenberg total festgefahren haben.

Kavindas Eltern aber packen an. Sie wollen ein besseres Leben für ihre beiden Söhne und sich. Ein besseres Leben heißt auch ein kleines Haus aus dem Armutshausprogramm der Jayawickreme-Stiftung. Sie haben sich um ein Armutshaus beworben, das aus Spenden finanziert wird.

Die Stiftung hat bisher über 40 Armutshäuser gebaut seit ihrer Gründung 2001. Das Leben hat sich für alle neuen Hausbesitzer bisher zum Besseren verändert. Die Zensuren der Kinder haben sich verbessert und sie bringen jetzt auch stolz Schulkameraden mit nach Hause. Vorher haben sich diese Kinder ihrer Armut geschämt und niemanden in die Verschläge mitbringen wollen. Jetzt sind sie selbstbewusst geworden.

Die Erwachsenen sind aus ihrer verzweifelten Lethargie herausgekommen und haben sich Arbeit gesucht, um die neuen Häuser in Ordnung zu halten, sich eigenverantwortlich zu verbessern. Der erste eigenständige Schritt aus der Armut heraus in ein besseres Leben hinein ist geschafft. Nun ist Geld vorhanden, um das Haus sauber zu halten, kleine Anschaffungen zu machen, Nahrung und Kleidung zu kaufen. Diese Menschen sind aktiv geworden, um den neu erfahrenen Standard zu erhalten und wenn möglich, sogar zu verbessern. Alle neuen Hausbesitzer hatten auf einmal den nötigen Antrieb, Selbstvertrauen und Mut, so dass sie aus eigener Kraft die soziale Leiter ein Stückchen nach oben klettern konnten. Genau das ist das Ziel der Stiftungsarbeit, die Hilfe zur Selbsthilfe.

Kavinda geht ins zweite Schuljahr. Wenn er nicht gerade büffelt, spielt er gerne Cricket mit den Nachbarskindern. Das ist der Nationalsport. Die nötigen Schläger und Tore basteln sie aus Zweigen, Ästen und alten Besenstielen.

Lernen macht ihm großen Spaß. Er geht gerne zur Schule. Blitzschnell kommt die Antwort auf die Frage nach seinem späteren Beruf: Kavinda will Soldat werden. Das weiß er mit seinen 7 Jahren schon ganz genau, sagt er stolz und wischt sich Regentropfen aus dem traurigen Gesicht.

Warum will er Soldat werden? Zeitungen, Radio und Fernsehen sind täglich voller Kriegsnachrichten. Viele arbeitslose Jugendliche melden sich freiwillig an die Front, auch aus Kavindas Dorf. Das ist ein festes Einkommen. Er ist mit den Kriegsnachrichten aufgewachsen, er kennt es nicht anders. Kavinda wächst immer noch mit Kriegsgesprächen auf. Sein kleiner Bruder Sakun auch.

Von der geschäftigen Weihnachsstimmung kriegt er nichts mit. Sie schwappt nicht über in sein Dorf. Aber Kavinda glaubt an Wunder. Und Wunder geschehen auch in diesem Teil der Welt. Eine Spende kann wahre Wunder bewirken. Skeptisch blickt Kavinda in die dunklen Wolken, die über die armselige Holzhütte seiner Eltern hinwegziehen. Kavinda wird sich bald auf seiner Schlafstelle zusammenrollen und in der klammen Feuchtigkeit träumen. Er träumt von einem kleinen Haus, in dem ein trockener Schlafplatz für ihn ist.

In den vielen, kleinen Dörfern im ländlichen Weligama fristen über 600 Familien ein solch herzzerreißendes, menschenunwürdiges Dasein wie der kleine Kavinda und seine Familie. Und sie alle hoffen auf eine bessere Zukunft. Ein kleines Haus ist der Anfang, aus dem Elend heraus zu kommen, neuen Lebensmut zu schöpfen. Es ist der erste große Schritt in ein würdevolles Leben.

Von Susanne Loos-Jayawickreme

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