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Kirchendach vom Staub der Jahrhunderte befreit

02.08.2010 | 16:10 Uhr
Kirchendach vom Staub der Jahrhunderte befreit
Einsatz auf dem Kuppelgewölbe der Christuskirche: 300 Jahre alter Schutt , der von dem beim Stadtbrand 1725 zusammengestürzten Dachstuhl des Gotteshauses stammt , muss abgetragen werden , um das Mauerwerk zu entlasten - rund 30 Tonnen. Foto: Hendrik Schulz

Plettenberg.Der Staub der Jahrhunderte dringt überall hin. Die Augen tränen, Mund trocken, in der Nase beißt es fürchterlich. Ohne regelmäßiges Trinken geht’s nicht. Ich bin von oben bis unten grau und dabei nass geschwitzt. Es ist stickig, eng, heiß. So muss es früher im Bergwerk zugegangen sein. Das Gewölbe der Christuskirche wird derzeit von Schutt befreit.

Warum eigentlich? 1725 brannte Plettenberg ab. Bis auf wenige Häuser und die Christuskirche blieb nicht viel übrig. Doch das 800 Jahre alte Gotteshaus wurde stark in Mitleidenschaft gezogen: Durch das Feuer brach der Dachstuhl zusammen, der Turmhelm kippte auf das Kirchenschiff. „Ein Wunder, dass die Gewölbedecke das überstanden hat“, staunt Bernd Paulus, der ebenfalls hilft. „Das haben die Baumeister bestimmt nicht berücksichtigt, als sie die Decke konstruierten.“

Als Plettenberg brannte, war es Frühjahr, trocken, aber nicht mehr lange. Ein neues Dach musste auf die kahlen Mauern, bevor dauerhafter Regen einsetzen würde. „Es war damals keine Zeit, den Schutt vom Dach zu transportieren, also wurde der neue Dachstuhl auf den Trümmern des alten errichtet“, weiß Paulus. Seit knapp 300 Jahren liegt der Schutt also dort oben, 30 Tonnen Bruchstein, Dachschindeln, Asche, Staub.

Bausubstanz gefährdet

Die Bausubstanz der Christuskirche ist dadurch gefährdet. Die Masse bindet Feuchtigkeit, die Balken des Dachgestühls drücken die Seitenwände auseinander. Außerdem ist der Druck von oben sehr groß. Durch die Arbeiten soll die Decke entlastet und Balken freigelegt werden. Neue sollen sie ersetzen, um die Bausubstanz zu stabilisieren.

Also weg damit. Bis zu einem halben Meter hoch liegt der Schutt auf der Bruchsteindecke. An einem Dachfenster ist eine Rutsche befestigt, die in den Container führt. Da muss der Schutt rein. Weil es so eng ist, wird er mit Eimern zur Rutsche gebracht. 15, vielleicht 30 Liter pro Eimer. Mit vier Schaufeln ist er voll. Überall sind Balken, auf Kopfhöhe, nah beieinander, man muss sich mit den schweren Eimern durchquetschen.

Das Dachfenster ist gerade groß genug, dass ich irgendwie den Oberkörper und einen Eimer durchzwängen kann. Wir arbeiten schichtweise: Erst schüppen, dann Eimer ausschütten. Manchmal 15 bis 20 Stück hintereinander, mit ausgestreckten Armen. Die Nase ist völlig verstopft von dem dichten Staub.

Geschmolzenes Glas

Der Schutt liegt in Schichten: Ganz oben Dachschiefer. Darunter Steine und Staub – da lässt sich besonders schwer arbeiten, weil man die Schaufel nicht richtig ansetzen kann. Ganz unten eine Art Sägemehl und Asche von den Balken. Manche Stücke Dachschiefer sind mit so etwas wie Glasur überzogen: „Geschmolzenes Glas“, erklärt Bernd Paulus. Der Brandherd war so heiß, dass die Fenster schmolzen und die Schieferplatten bedeckten.“

Die Chorflankentürmchen sind ebenfalls verstopft. Nach und nach kratzen wir Asche und Gestein heraus. Das Innere der kleinen Türmchen wird sichtbar: Steine ragen aus dem Mauerwerk – man kann hochklettern. Der enge Schacht ist rußgeschwärzt. „Das ist richtig Geschichte“, staunt Bernd Paulus. „Hier hat seit 300 Jahren niemand mehr hingeschaut.“ Es ist anstrengend. Nächsten Samstag gehe ich wieder hin.

Hendrik Schulz

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