„Horror“-Übung an Plettenberger Schule
05.10.2010 | 19:45 Uhr 2010-10-05T19:45:00+0200
Plettenberg.Eine Notfallübung vor über einer Woche an der Zeppelin-Ganztagshauptschule in Plettenberg schlägt hohe Wellen. Eltern berichten von „völlig verängstigten Kindern, die seit diesem Amok-Alarm nicht mehr durchschlafen“.
Eine Notfallübung vor über einer Woche an der Zeppelin-Ganztagshauptschule in Plettenberg schlägt hohe Wellen. Eltern berichten von „völlig verängstigten Kindern, die seit diesem Amok-Alarm nicht mehr durchschlafen“. Schulleiter Klaus H. Meißner spricht von einer „ganz normalen Notfallübung“, wie sie seit Jahren immer wieder durchgeführt werde.
Mit einem Unterschied: Erstmals gab nicht die vertraute Stimme Meißners über Lautsprecher Verhaltensmaßregeln für einen Notfall aus, sondern eine künstliche Stimme mit standardisiertem Ansagetext. Danach sollten Schüler und Lehrer bei geschlossenen Türen in den Klassenräumen bleiben. Ausgelöst durch einen Druck auf den Amok-Alarm-Knopf, der in den Sommerferien im Auftrag der Stadt neu installierten Schulsprechanlage.
Zum Preis von rund 110 000 Euro werden alle elf Plettenberger Schulen mit modernsten elektroakustischen Anlagen ausgestattet. Den Auftrag erteilte der Rat der Fachfirma Heydel (Leopoldshoehe). Hallen-, Eschen- und Vier-Täler-Schule verfügten bislang über gar keine Sprechanlagen.
Eine Hauptaufgabe der ELA-Systeme ist neben einer flächendeckenden Beschallung heute auch die gezielte Evakuierung von Gebäuden im Alarmfall durch klare Anweisungen, um Verzögerungen oder eine Panik zu verhindern.
Schulleiter haben die Wahl zwischen eigenen Durchsagen und dem Auslösen einer automatischen Durchsage für unterschiedliche Notfallsituationen. „Das ist heute Standard. Schließlich könnten Schulleiter, Sekretärin oder Hausmeister im Fall der Fälle die ersten Opfer sein“, sagt Plettenbergs Gebäudemanager Steinhoff.
Laut Steinhoff sei die Politik wegen der Brisanz des Themas Amok-Alarm-Knopf bei neuen ELA-Systemen bewusst nicht öffentlich mit ihrer Entscheidung hausieren gegangen.
Weder Lehrer noch Schüler waren über die Notfallübung informiert. Schüler – und nach WR-Informationen zumindest auch eine Lehrerin – sprechen von einem „Horrormoment“, der bei ihnen Spuren hinterlassen habe. Rund eine Viertelstunde lang hätten sie „in panischer Angst“ auf dem Boden gelegen, sich in den Klassenräumen verbarrikadiert, ehe sich die Situation als Übung entpuppt habe.
Hausmeister trifft keine Schuld
Den Vorwurf, dass der Hausmeister gegen Türen geschlagen haben soll, um das Szenario realistischer wirken zu lassen, weist Direktor Meißner scharf zurück. Der Hausmeister, eine eingeweihte Kollegin und er selbst hätten lediglich die Türklinken gedrückt, um zu kontrollieren, ob auch alle die Notfallhinweise befolgt haben. Im Übrigen hätte er das Schild „Amok“ auf der Taste seiner Anlage durch den Schriftzug „Notfall“ überklebt, weil selbst in der automatischen Durchsage nicht von Amok die Rede sei.
Plettenbergs Gebäudemanager Matthias Steinhoff, der nach (nichtöffentlichem) politischem Beschluss bis Ende der Herbstferien alle elf Schulen in städtischer Trägerschaft mit technisch aufgerüsteten Lautsprecheranlagen inklusive Amok-Taste ausgestattet haben will, wundert sich wie Meißner über Maßnahmen des Verbarrikadierens oder Hinlegens. „Das mag eine individuelle Anweisung einzelner Lehrer gewesen sein“, mutmaßt Meißner.
Technik nach neuestem Standard
Matthias Steinhoff verliest am WR-Telefon den Inhalt des Ansagetextes. Dieser spricht von einer „ernsten Lage an der Schule“ und fordert lediglich zum Verbleib in geschlossenen Klassenräumen auf. Mit der Installation der nach den Bluttaten an den Schulen in Winnenden und Ansbach vom Innenministerium und von der Polizei empfohlenen Sprechanlagen habe er technische Voraussetzungen nach neuestem Standard geschaffen, betont Steinhoff.
Grundsätzlich könne aber jeder Schulleiter sowohl im Übungs- wie im Ernstfall selbst entscheiden, ob er den automatischen Alarmknopf auslöse oder selbst eine Durchsage mache. Meißner beklagt, bisher nichtmals in die Technik der neuen Anlage eingewiesen worden zu sein.
22:16
@#28 Simon:
DAnn stelle ich mir mal einen Brand an einer Schule vor: z.B. bei Feuer in einem Archiv oder Lagerraum, das einfach so ohne Schuld durch einen elektrischen Defekt entsteht, sich zunächst zum Schwelbrand mit starkem und giftigem Rauch und später zum Großbrand entwickelt? Ein Großteil der Todesopfer sterben nicht durch Hitze, sondern durch die Rauchgase, die sie einatmen mussten, weil sie entweder zu spät alarmiert wurden oder aber die Alarme nicht so ernst nahmen.
Dann stelle ich mir mal die Situation bei einem Amoklauf vor: Ideal-vorstellung wäre, dass alle Schüler in ihren Klassenraum gehen, sich hinsetzen und möglichst ruhig verhalten, während die betreuenden Lehrer alle Fenster und Türen vernünftig verriegeln und die Schulleitung regelmäßig über die Lautsprechanlage zu den Schülern spricht, ihnen mitteilt, dass die Polizei usw. längst alarmiert sind und den oder die Täter zur Aufgabe auffordert.
Grundsätzlicher Unterschied ist natürlich, dass in diesem Falle die Schüler nicht evakuiert werden können, sondern sich in ihren Räumen verbarrikadieren müssen, und die Polizei die Schule stürmen muss. Das erscheint mir dann natürlich spektakulärer als ein Feueralarm, bei dem alle wild durcheinander rausrennen, sich irgendwo auf der grünen Wiese versammeln und aus vermeindlich sicherer Entfernung zuschauen, wie ihre Schule (nicht) abbrennt.
Ich wäre ehrlich gesagt gern bei der Plettenberger Übung dabeigewesen und hätte mir gern angeschaut, wie die Verantwortlichen reagiert haben.
18:47
@FernerBeobachter
ist ihnen nicht klar das bei einem amoklauf eine ganz andere situation vorliegt ? Stellen sie sich einmal einen Amoklauf vor und danach eine Brandsituation in einer Schule und denken sie dann nochmal über ihren Eintrag nach ! Dringliche Bitte für ihr Verständnis !
17:28
Bei uns in Dortmund wurde jetzt eine Schule komplett(!) geräumt, mit Feuerwehr Großeinsatz und allem drum und dran, weil ein Schüler einen Böller gezündet hat. O-Ton Feuerwehr: Bei unserer Ankunft war der das Feuer, mangels Masse, schon von allein erloschen.
Genau das meine ich. Vor fünfzehn Jahren hätte der zuständige Lehrer den Böller gelöscht, dem Schüler einen Anschiss verpasst und ein Brief an die Eltern. Fertig. Heute schreien alle Sodom und Gomorra und rennen zu hunderten panisch aus der Schule.
Das ist doch krank!
15:16
@23 Simon:
Ein Feuer in einem großen öffentlichen Gebäude ist, wenn nicht rechtzeitig reagiert wird, nicht minder gefährlich und erfahrungsgemäß sogar viel wahrscheinlicher. Warum bricht kein Schüler in Panik aus, wenn der Feueralarm zur Übung ausgelöst wird? Ist ihnen nicht klar, dass sie im Falle eines Feuers in akuter Lebensgefahr sind? Und was passiert, wenn mal ein scharfer Feueralarm ausgelöst wird? Abgesehen davon fällt mir gerade ein, dass es schon lange keine Bombendrohung mehr gegeben hat.
Deshalb wie gesagt: Eine Übung mit Ankündigung, Erklärung und anschl. Briefing, und dann ab und zu eine unangekündigte Wiederholung, mal ein Feueralarm, mal eine Amok-Übung, mal von mir aus etwas anderes. Damit sich kein Schüler mehr erschrecken muss, wenn der Gong ertönt.
13:52
Firmen machen Geschäfte mit der Amok-Angst
www.derwesten.de/staedte/essen/Firmen-machen-Geschaefte-mit-der-Amok-Angst-id3797325.html
Ich denke das sagt doch alles aus über die Amok-Hysterie.
13:46
Demnächst noch realistischer Bitte
Aus dem Lautsprecher tönen Kriegsgeräusche und der Hausmeister rennt mit seiner Frau über den Flur und verschiest Platzpatronen aus einem Spielzeugpistölchen. In unregelmäßigen Abständen klatscht die Hausmeistersfrau mit dem Telefonbuch auf den Terazzoboden und schreit weinerlich um Hilfe. Und der Duftautomat verstömt Brandgeruch über die Flure.
Dann wird es endlich realistisch. Und der Panikknopf darf ruhig öfters gedrückt werden.
Laut Gebäudemanager Steinhoff sei die Politik wegen der Brisanz des Themas Amok-Alarm-Knopf bei neuen ELA-Systemen bewusst nicht öffentlich mit ihrer Entscheidung hausieren gegangen. Wie bekloppt muss die Bevölkerung durch alle Pressemitteilungen schon geworden sein.
13:34
Ich bin selber noch Schüler an einem Gymnasium und ich finde, dass hier nicht mehr von einer normale Notfallübung geprochen werden kann. Wenn nun so ein Amokalarm als Übung getarnt wird, muss dies auch angekündigt werden, da es doch sonst zu unvorhersehbaren panikreaktionen bei schülern sowie lehrern kommen kann. Zudem ist es doch klar, dass man durch einen Amikalarm auch geschädigt wird oder werden kann, ich meine wer hat denn keine angst bei einem Amokalarm?!
Solche Übungen müssen auch als diese gekennzeichnet werden und eine Sicherheitsbelehrung für Schüler im Falle eines Amoklaufes wären viel sinnvoller, weil doch sonst kein schüler genau weiß, wie er sich zu verhalten hat ! Unverantwortlich von Schulleiter !
11:24
Die Gefahr bei nem Amoklauf erschossen zu werden ist millionenfach geringer als durch nicht bestandene Vorstellungsgespräche arbeistlos, frustriert und vielleicht auch gewalttätig zu werden.
Das meine ich mit sinnfrei.
11:20
Bei nem Amoklauf ist er tot, bei einem Vorstellungsgespräch fliegt er schlimmstenfalls raus.
Das meine ich mit sinnfrei !
10:54
Da haben Sie recht, die Gewaltquote bei Vorstellungsgesprächen ist sehr gering. Lässt man die Eignungstests für Dominas mal raus.
Mir geht es aber um die Prioritäten in diesem Land. Die Wahrscheinlichkeit eines Jugendlichen, sich in der Situtation eines Amoklaufes zu befinden liegt bei... keine Ahnung, 0,1%? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Jugendlicher mal in einem Vorstellungsgespräch beweisen muss liegt bei 99,99%. Was wird trainiert? Verhalten bei Amokläufen. Das ist doch am Thema vorbei. Und für mich sinnfrei.
Schon der Umstand, dass in der Schule wahrscheinlich genauso oft Feueralarm wie Amokalarm trainiert wird, ist sinnfrei. Weil die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufes einfach viel geringer ist, als der eines Feuers. Uns wird nur über die Medien das Gefühl gegeben, dass hinter jeder Ecke ein Amokläufer lauert. Ich denke, die Gefahr, sich im Sportunterricht durch einen geringqualifzierten Lehrer ernsthaft zu verletzen ist statistisch höher, als bei einem Amoklauf zu Schaden zu kommen. Ich rede nur von Prioritäten.
Sinnfrei? Wenn Sie meinen...