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Lesung mit Jung-Autor...

Harte Fakten mit neuen Tönen erzählt

27.09.2009 | 19:20 Uhr

Im neunten Monat seines Stipendiats der Märkischen Kulturkonferenz 2009 las der Schriftsteller Finn-Ole Heinrich in der Stadtbücherei aus seinem neuen Buch „Gestern war auch schon ein Tag”.

Henning liebt Überraschungen. Wie er den kleinen Jungen gedemütigt, geschlagen, angezündet und missbraucht hat, bewahrt sich der Vierzehnjährige bis zur Weihnachtsfeier im Hürther Heim für gestörte Kinder auf, ein Geschenk für die Betreuer. Den moral- und regelfreien Jugendlichen stellte Finn-Ole Heinrich am Freitagabend in der Stadtbücherei vor.

Der Autor, so zart (wirkend) und so hart – eine Überraschung für das Publikum. Im neunten Monat seines Stipendiats der Märkischen Kulturkonferenz 2009 las der Schriftsteller aus seinem Neuling „Gestern war auch schon ein Tag”. Neue Töne, harte Fakten. Die Sprache, so gar nicht feinsinnig suchend, hat sich schon längst gefunden. Sensibel gegenüber denen, die am Rand angesiedelt sind, aus welchen Gründen auch immer. Eigene Erfahrung oder unglaubliches Einfühlungsvermögen? Die Geschichte „Zeit der Witze”: Ein psychologisches Glanzstück, wie sich Heinrich in den Partner einer beinamputierten Freundin hinein versetzt. Ehrlich bis zur Grausamkeit die Analyse der Freundin, die die Sache mit dem Bein witzig sieht, grausam das Sezieren der eigenen Gefühle: der Ekel, die Schuldgefühle, das tödliche Schweigen.

Heinrichs Sprache ist scharf, klar, erdnah, nicht vergleichbar, vor allem nicht mit manchem literarischen Möchtegerner, der mit abgehobener Pseudointellektualität zu bluffen versucht. Der Hamburger erzählt seine Geschichten so gut, weil er, leise und unauffällig, wie er offensichtlich selbst ist, vorher genau hinschaut.

Wie kann man einen Herbst gewinnen? Indem man all das, was den Herbst ausmacht, so sinnlich gut schildert, dass jedem der Sinn nach Herbst steht. Man schmeckt ihn förmlich auf der Zunge und möchte ihn sofort haben! Aber nein, Jonathans Arbeitskollegin gewinnt den Herbst, wie sie alle Wettbewerbe mit Jonathan gewinnt. Er hat es einfach nicht nötig, zu gewinnen: „Niederlagen sind richtig, weil es Siege, weil es Ideale gibt!”

Sprache ist klar und nicht vergleichbar

Ja, Heinrich ist auch Philosoph. Und er erkennt andere Lebenskünstler: Für den kurzen „Dokumentarfilm” um Herrn Prozalla schrieb Heinrich das Drehbuch, skurril bis beinahe beängstigend. Prozalla, arbeitslos, ernennt sich selbst zum Spielplatz-Wart. Wächter in einer gefährlichen kleinen Welt: Selbst die Papierflieger sind zu spitz. Prozalla führt über alles Buch - und hütet seine Menschenwürde. In seinen Visionen fängt er von der Schaukel fallende Kinder auf. Fraulos bewundert er Wespen: Viel Freiheit,doch ein schweres Leben, schlecht angesehen, wie er.

Nachdem man die Geschichte mit Henning, die so gut in unsere Zeit der vielen verlorenen Kinder passt, noch nicht verdaut hatte, beeindruckte der zweite Film „Fliegen”. Ein geschmeidiger junger Russlanddeutscher, von Ausweisung bedroht, wird von einer deutschen Videofilmerin ausgenutzt: Dima, liebenswert-gefährlich, liebt sie, für sie ist er Abwechslung. Er wird verhaftet, sie weint ihm eine Träne nach.

Man möchte sich noch viel erzählen lassen von Finn-Ole Heinrich.

ZUSATZINFORTMATION:

Finn-Ole Heinrich, in Cuxhaven geboren, studierte Film in Hannover, war Stadtschreiber in Erfurt, lebt in Hamburg. Sein Kurzfilm „Fliegen” wurde auf der Berlinale gezeigt. (www.finnoleheinrich.de)

Gerade hat er für Regisseur Levandowski das Drehbuch für einen Spielfilm fertiggestellt. Neben dem Märkischen Stipendium erhielt Heinrich noch elf Preise als Autor und Drehbuchschreiber.

Marlis Denkert

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