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Kunstgemeinde

Ehe-Krieg um die Wahrheit

13.02.2012 | 15:27 Uhr

Plettenberg.Sie verletzen und sie küssen sich. Sie zeigen immer wieder auch mal kleine Gesten von Zuneigung, Vertrautheit vieler langer Ehejahre, doch die Grundlinie ist klar beim kultivierten, wohlhabenden Ehepaar Vincent und Louise Demalenes: Es ist Krieg, es geht um Sein oder Nichtsein, es geht um die Wahrheit. Viel Bühnenpräsenz erlebte das Publikum am Sonntag beim Zwei-Personen-Stück „Ohne Gesicht” der Norwegerin Irene Ibsen Bille, das die Kunstgemeinde auf der Aulabühne präsentierte.

Entsetzt erlebt Louise (Diana Körner), wie ihr Mann Vincent (Peter Fricke) die Maske gepflegter Ehe-Bürgerlichkeit abnimmt. Diese Beziehung krankt an einer großen Lüge. Mit der leben die Demalenes bereits seit 15 Jahren. Damals misslang der Plan des Ehemanns, sich bei einem Autounfall von Frau und Zwillingsbruder Thomas zu befreien. Beide lästig für eine Zukunft mit Thomas’ Freundin Maria. Doch der Täter wird Opfer, Louise und Thomas überleben und leben künftig in einer ritualisierten Ehe zusammen, ohne wirkliche Nähe und Gespräche. Thomas spielt die Rolle seines Bruders und den Mann ohne Gedächtnis.

Anfängliche Ironie weicht bald

Früh schon ahnt Louise, dass sie mit dem „falschen” Zwilling weiterlebt. Aber ist es wirklich der falsche? Wie gewohnt zieht sich die elegante Frau in den vertrauten Raum der Äußerlichkeiten zurück, die Form wird gewahrt. Wie sie ihrem anfangs geliebten Mann Vincent „von Figur zu Figur” folgte, seine Betrügereien akzeptierte, ohne ihn offenbar wirklich zu erkennen, nimmt sie über lange Jahre die Ungewissheit seiner Identität hin: Die Ungewissheit scheint ihr besser als eine tödliche Wahrheit.

Steht für Louise mit ihren Verlustängsten der Name für Sicherheit, Wohlstand und ihre Sicht des Lebensglücks, sieht das bei Thomas ganz anders aus. Der 60. Geburtstag der Zwillingsbrüder soll für ihn ein Neubeginn zu sein; er trägt sich im Hotel mit seinem richtigen Namen ein. Er appelliert an Louise, ihn bei seiner Rückkehr zu sich selbst zu unterstützen.

Peter Fricke spielt den an seiner Rolle seit langem Zweifelnden intensiv und körpernah, das Leiden am fremden Leben direkt vermittelnd. Die anfängliche Ironie weicht bald. Erschütternd gibt er jede gesellschaftliche, kultivierte Form auf und sich Louise preis. Der ist er mit seinem echten Menschsein, wie in griechischer Tragödie im noch blutbefleckten Anzug, hoffnungslos unterlegen.

Diana Körner spielt Louise luftig, elegant, dann den eisenharten Kern unter der weichen Schale. Anpassung an die Verhältnisse statt Wahrheit.

Louise will sich diesem dritten neuen Menschen, Symbiose zwischen beiden Brüdern, anpassen. Ihr ist nicht wichtig, wen sie eigentlich liebt. Nur Vincent (= Reichtum, Sicherheit etc.) soll er weiter sein.

Louise siegt. Sie entwaffnet Thomas mit Taten, verbrennt Beweismaterial, macht ihn klein mit Worten (es ist sein Sohn, nicht der von Vincent). Doch siegt Louise in diesem spannenden Spiel um zwei Lebensphilosophien? Die Fassade wahren, nach außen schauen, viele von uns sind Louise. Nur wenigen gelingt es, ein wahrhaftiges Leben zu führen und die damit unweigerlich verbundenen Verzichte in Kauf zu nehmen.

„Das Ich ist Gott im Menschen!” Thomas, der die Kunst der Selbstverleugnung nie lernte, erschießt sich mit bühnenhaftem Peng! Das Publikum lacht erschrocken. Besiegt ist nicht nur Vincent, sondern auch die „besser so, besser so” murmelnde Louise. Sie hat sich endgültig verloren.

Ein politisches Schauspiel, steht Louise doch für das funktionierende System und Thomas für Individualität und Liebe, das bedeutet Wahrheit auch. Und für Louise wäre die Wahrheit wirklich das Ende ihres bisherigen Lebens.

Marlis Denkert

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