„Wir spielten in den Trümmerfeldern“

Tränen vor Glück vergossen beide Freundinnen, Marion (li.) und Margrit (re.), bei ihrem Wiedersehen in Hamburg.
Tränen vor Glück vergossen beide Freundinnen, Marion (li.) und Margrit (re.), bei ihrem Wiedersehen in Hamburg.
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Nach 70 Jahren findet Margrit Germar ihre damalige Freundin wieder. Sie musste sich Erinnerungen stellen, die sie verdrängt hatte.

Oberhausen.. Margrit Germar blättert durch ein Fotoalbum, das mehrere kleine Schwarz-Weiß-Fotografien enthält. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie bei einem Foto kurz stoppt und es genauer betrachtet „Das ist sie. Mit diesem Foto hat alles begonnen“, sagt sie und atmet einmal tief durch. Denn Germar spricht von der Suche nach ihrer Freundin Marion. Die Frauen lernten sich während des Zweiten Weltkrieges im Kindesalter kennen, sind in Hamburg gemeinsam aufgewachsen und haben sich nach Kriegsende aus den Augen verloren. Es fällt ihr schwer über die Zeit zu sprechen, Tränen treiben ihr in die Augen – auch 70 Jahre danach. Doch sie hat sich einen Ruck gegeben und erzählt wie sie die Suche und das Wiedersehen erlebt hat.

„Die Berichte in den Medien über den Zweiten Weltkrieg, speziell die aus Hamburg, haben in mir viele Erinnerungen wach gerufen“, erzählt Germar. Nicht nur an das Elend, an die vielen Bombenangriffe und die tägliche Angst, sondern auch an Freundschaften und Spielgefährten. Und eine ganz besondere Freundin ging der 78-Jährigen nicht mehr aus dem Kopf: Marion. „Mitten im Kriegschaos spielten wir in den Trümmerfeldern, das hat uns verbunden – jeden Tag haben wir miteinander verbracht“, erinnert sich die aufgeschlossene Frau.

Flucht vor Ende des Krieges

Ihre Mütter waren Arbeitskolleginnen und befreundet, sie wohnten mit ihren Kindern im selben Haus. „Kurz vor Ende des Krieges flüchteten wir dann gemeinsam nach Jork ins Alte Land und wurden in einer Fliegerbaracke einquartiert – endlich keine Bomben mehr und es gab sogar etwas zu essen“, berichtet Germar. Dort fühlten sie sich zum ersten Mal sicher, gingen zur Schule und genossen die Natur. Doch kurz nach Ende des Krieges trennten sich ihre Wege: „Marion zog mit ihrer Familie wieder zurück nach Hamburg und wir blieben noch bis 1952 im Alten Land, dann gingen auch wir wieder nach Hamburg, doch Kontakt hatten wir kaum noch. Schließlich zog es mich nach Oberhausen.“

Doch vor der Suche überkamen Germar erste Zweifel: Wie soll ich das alles anstellen? Wo fange ich an zu suchen? Lebt sie überhaupt noch? „Ich musste Erinnerungen aus einem Winkel herauskramen, die ich bisher meisterlich verdrängt habe – das war nicht einfach“, erzählt sie. Nach längeren Recherchen im Internet der erste Erfolg: Sie findet den Namen von Marions Bruder. „Ich habe ihm ein Bild aus unserer Kindheit zugeschickt - die Suche entwickelte sich dann zu einem Selbstläufer“, so die 78-Jährige.

Freundinnen fielen sich weinend in die Arme

Nach mehreren Telefonaten war es kurz vor Pfingsten dann soweit: Germar machte sich auf Richtung Hamburg. Bedenken stellten sich auf der Fahrt ein: War die Geschichte übereilt? „Schließlich sind 70 Jahre vergangen, ich war sehr nervös. Aber es gab kein Zurück mehr.“ Am Bahnhof Dammtor fielen sich die beiden Freundinnen weinend in die Arme: „Es war so als hätten wir uns nie getrennt, eine Vertrautheit stellte sich sofort ein – ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke.“ Die Freundinnen besuchten Orte ihrer Kindheit, schwelgten in Erinnerungen.

Und Margrit Germar ist sich sicher: „Diese Woche bleibt unvergesslich. Das war nicht unser letztes Treffen, wir telefonieren regelmäßig und sind in gutem Kontakt.“