„Wir sind doch hier die Asis“

Eine Flasche Wein, eine Kippe und Leute zum Unterhalten: Am Altmarkt trifft sich regelmäßig eine Gruppe von Menschen, die anderen häufig ein Dorn im Auge ist.
Eine Flasche Wein, eine Kippe und Leute zum Unterhalten: Am Altmarkt trifft sich regelmäßig eine Gruppe von Menschen, die anderen häufig ein Dorn im Auge ist.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Oft ärgen sich Bürger über die Menschen, die auf dem Altmarkt Alkohol trinken. Aber wer sind diese Menschen? Die WAZ befragte zwei Männer und eine Frau.

Oberhausen.. Günter ist über die Frage erstaunt. Wie er so lebt? „Ich lebe ganz normal“, sagt der 51-Jährige. Er sitzt mit verwegen falsch herum aufgesetzter schwarzer Kappe auf den Stufen eines Seiteneingangs der Herz-Jesu-Kirche am Altmarkt in der Stadtmitte. Günter ist braun gebrannt, tätowiert und hält eine Flasche Bier in der Hand. Über ihm scheint die Sonne. Um ihn herum sitzen seine Kumpel.

Günter und all die anderen, die hier hocken oder stehen, mit Bier, Wein und Zigaretten, stören für so manchen „Normalbürger“ das Stadtbild. Aber wer sind diese vermeintlichen Störenfriede eigentlich? Die WAZ fragte drei von ihnen nach ihrer Lebenssituation und warum sie am Altmarkt sitzen.

Gebäudereiniger und Sanitäter

Günter sagt: „Ich war 35 Jahre lang Gebäudereiniger, dann habe ich den Job verloren“. Seitdem trinkt der Oberhausener, der keine neue Arbeit fand, draußen in Gesellschaft. Mit Udo (60) trifft er sich jeden Morgen auf dem Altmarkt. Udo sagt: „Jetzt bin ich Rentner, aber davor hatte ich drei Berufe.“ Er listet auf: Glaser, Leichtmetallbauer und Sanitäter. Udo hat unter anderem für die Malteser am Förderturm 8 gearbeitet, erzählt er. Er strahlt förmlich, als er von dem großen Karnevalswagen erzählt, den er bei dem Umzug durch Oberhausen immer noch fährt. „Da trinke ich zwei, drei Tage vorher keinen Alkohol mehr“, versichert Udo.

Günter und Udo sitzen so lange am Altmarkt wie sie Lust haben. Ansonsten gehen sie unheimlich gerne spazieren. Kreuz und quer durch die Stadt.

„Ich mache jetzt eine Therapie“

Eine 27-Jährige mit schriller Schminke im Gesicht und extremer Frisur hat trotz ihrer jungen Jahre anscheinend resigniert. „Wir sind hier doch Asis“, sagt sie. „Ich bin in so einem Milieu aufgewachsen“, erzählt die 27-Jährige. Mit zehn, elf Jahren sei sie schon ständig auf der Suche nach ihrer Mutter gewesen, die sie dann betrunken etwa auf dem Altmarkt gefunden habe. „Mama“, brüllt die junge Frau plötzlich. Sie zeigt auf eine ältere Frau und sagt: „Das da ist meine Mutter.“ Diese verbringt ihre Tage immer noch auf dem Altmarkt. „Mein Vater“, sagt die junge Frau, „ist nur 37-jährig an Hepatitis C gestorben.“

Ob sie nie versucht habe, aus diesem Milieu herauszukommen? Doch, sie habe eine Lehre als Friseurin begonnen. „Da ist meine Mutter immer sturzbetrunken in dem Laden aufgetaucht, deshalb habe ich die Stelle wieder verloren.“ Was nun mit ihr wird? „Ich gehe in Therapie“, sagt die 27-Jährige und krempelt mal eben die Ärmel ihrer Jacke hoch. „Deshalb“, sagt sie. Ihre Arme sind voller blutiger Schnitte.