Das aktuelle Wetter Oberhausen 14°C
Oberhausen

"Wer einmal schlägt, schlägt immer"

23.11.2007 | 18:44 Uhr

KRIMINALITÄT. Der Tod eines Opfers im März war nur der Höhepunkt: über 300 Fälle von häuslicher Gewalt im Jahr.

Es war bislang der traurige Höhepunkt des Jahres, was häusliche Gewalt in Oberhausen angeht, und er kostete eine Frau das Leben. Wie so oft war sie mit ihrem Lebensgefährten in Streit geraten, und wie so oft blieb es auch in der Nacht zum 9. März nicht bei Worten: Der 29-Jährige schlug zu, noch in der selben Nacht starb seine Lebensgefährtin in Folge der Misshandlungen an einer Hirnblutung. Ein Einzelfall, so möchte man hoffen, doch das ist er nur in seiner bitteren, tödlichen Konsequenz.

291 Anzeigen sind bei der Polizei seit Jahresbeginn bis Oktober eingegangen, die Tendenz der vergangenen Jahre scheint sich zu verfestigen. 350 bis 400 Mal müssen Oberhausens Ordnungshüter im Jahr durchschnittlich ausrücken, um prügelnde, tretende und würgende Lebensgefährten zur Räson zu bringen - oder sie gleich der Wohnung zu verweisen und mit einem zehntägigen Rückkehrverbot zu belegen.

Anzeigen werden zurückgezogen

Zuständig für Fälle häuslicher Gewalt ist in Oberhausen das Kriminalkommissariat 11 (KK11), das sich auch mit Gewaltverbrechen, Sexualstraftaten oder Delikten zum Nachteil von Kindern befasst. "Die Grenzen sind da oft fließend", erklärt Kommissariats-Leiter Herbert Lenhart. Wie wichtig und richtig der heutige Aktionstag "Nein zu Gewalt an Frauen" ist, mögen er und seine Kollegen ermessen können.

Doch sie wissen auch, wie frustrierend der Kampf gegen gewalttätige Ehemänner und Partner sein kann: Wenn Frauen am Morgen nach den Schlägen von Hämatomen gezeichnet im Präsidium neben ihren Männern sitzen, die Anzeige zurückziehen und von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wollen. Das Rückkehrverbot bleibt allerdings in der Regel bestehen: Wird ein der Wohnung verwiesener Mann vor Ablauf der Zehn-Tages-Frist zu Hause von der Polizei angetroffen, sind 250 Euro Ordnungsgeld fällig - auch wenn die Frau ihr Einverständnis zur Rückkehr gegeben hat.

In gut drei Vierteln der Fälle, schätzt Lenhart, scheuen die misshandelten Frauen zunächst juristische Konsequenzen - im Kampf gegen gewalttätige Männer ist ein langer Atem vonnöten.

Abhängigkeiten lassen die Frauen zögern

Manchmal stehen vor der endgültigen Trennung sechs, sieben Wohnungsverweise, weiß Lenhart. "Da gibt es finanzielle oder seelische Abhängigkeiten oder auch die Sorge um die gemeinsamen Kinder, die die Frauen zögern lassen, den letzten Schritt zu tun."

Am Beratungsangebot für die Opfer, sei es durch die Polizei oder andere Organisationen, mangelt es nicht. Doch den ersten Schritt müssen die Frauen selbst machen. Lenhart bedauert das. "Sobald Kinder in der Familie sind, müssen wir in Fällen häuslicher Gewalt automatisch das Jugendamt einschalten. Eine Frauenberatungsstelle, die dem Opfer ja ein ganz unverbindliches Hilfsangebot machen könnte, dürfen wir wegen des Datenschutzes nicht kontaktieren."

Aus Drohungen werden Verletzungen

Auf eines, so der Kriminalbeamte, dürften die Frauen sich keinesfalls verlassen: dass es sich bei der Gewalt um einmalige Ausrutscher handle. "Wir hören oft, dass der Gewalttäter eigentlich ein ganz lieber Kerl ist, wenn er nicht getrunken hat", sagt Lenhart. Doch habe ein Mann einmal zugeschlagen, sei eine Grenze gefallen: Dann hat sich der Konflikt bereits hochgeschaukelt, von Beleidigungen über Drohungen und Sachbeschädigungen bis schließlich zur Verletzung des Partners. "Dann ist der Gewalt Tür und Tor geöffnet, und der Streit eskaliert."

Mit den bitteren Folgen werden die Beamten des KK11 immer wieder konfrontiert: Es wird geschlagen und getreten, Frauen werden gewürgt, manchmal bis gefährliche Schwellungen am Hals auftreten. "Neulich wurde eine Frau schwer verletzt, als der Partner ihr urplötzlich einen Stoffbeutel mit vollen Bierflaschen vor den Kopf schlug", berichtet Lenhart.

Allerdings gibt es im Kampf gegen häusliche Gewalt auch Positives zu berichten: Alleine das wachsende Wissen um das Gesetz kann Frauen vor drohenden und prügelnden Ehemännern retten, weiß Lenhart: "Wenn eine Frau droht, zur Polizei zu gehen, und er für zehn Tage aus der Wohnung fliegen kann, macht das manchen Gewalttäter nachdenklich."

Anlässlich des heutigen Aktionstages "Nein zu Gewalt an Frauen" gibt es wieder eine Fahnenaktion in der Innenstadt. Beginn ist um 10.30 Uhr auf der oberen Marktstraße/Düppelstraße.2002 trat eine Änderung des Gewaltschutz- und Polizeigesetztes in Kraft, die die Polizei ermächtigt, nach Fällen häuslicher Gewalt den Täter für zehn Tage der Wohnung zu verweisen. Das Rückkehrverbot wird ausgesprochen, wenn eine Gefährdungsanalyse diese Maßnahme nahelegt. Die Einhaltung des Rückkehrverbots muss von der Polizei mindestens einmal überprüft werden. Stellt das Opfer einen Antrag bei Gericht, kann das Rückkehrverbot auf 20 Tage ausgedehnt werden.

JOACHIM BÄUMER

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/1454754/create

Umfrage der Woche
Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Captcha

Bitte übertragen Sie den Code in das folgende Feld:

Wort unleserlich? (Neuladen)

 
Aktuelle Fotos und Videos
Brings im Ebertbad in Oberhausen
Bildgalerie
Konzert
Stimmen zum Rauchen
Video
Video
Radrennen in Oberhausen
Bildgalerie
Pfingstradrennen
Wohnhausbrand in Lirich
Bildgalerie
Feuer
Aus dem Ressort
Der Oldtimer als Familienhobby
Unser Norden
Ulf Berens hat einen 57 Jahre alten Ford-Pickup originalgetreu und aufwändig restaurieren lassen. Jetzt wollen die Amerikaner den Wagen gerne zurück
Foto
Jugendarbeitslosigkeit in Oberhausen sinkt
Arbeitsmarkt
Auch die Zahl der erwerbslosen Ausländer sowie älteren Menschen verbesserte sich leicht. Doch obwohl es mehr freie Stellen gibt, stagniert Arbeitslosigkeit