Wenn das völlig fidele Veedel feiert

Der Blick geht ins Leere. Dunkle Umhänge verbergen die luftigen Kleidungsstücke, die sich für den Cancan eignen. Die inneren Werte dieser Jungs der KG Blau-Gelb St. Marien sind Hingucker. Doch noch stehen sie hinter der letzten Reihe im ausverkauften Ebertbad. Sie verweilen für den Musikeinspieler. Sie warten auf den Marsch, den Geleitzug von kostümierten Jecken. Sie können es sich erlauben. Sie haben Gewicht. Sie sind: „Light Girls“.

Männerballett Reloaded. Wenn man von der KG Blau-Gelb St. Marien erzählt, muss man hier anfangen. Mutige Jungs aus der Mariengemeinde zogen einst aus dem Pfarrkarneval aus. Spielten in kleinen Sälen und in Wohnzimmern. Ziemlich schräg, aber immer ambitioniert. Hinterhof, Seitenstraßen, im Veedel bekannte, etwas andere „Backstreet Boys“, die zwickende Miederwaren zur Musik der Rocky Horror Picture Show zurechtrückten und als „Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ wohlgeformte Körper kreisen ließen. Eisige Stimmung? Fehlanzeige, nicht mal beim Besuch des Karnevalszugs in der Rathauskurve.

Wahrscheinlich hätten sie ewig so weitergemacht. Doch ein eigener Karnevalswagen weckte den Heimwerker im Marianer und schickte die „leichten Mädels“ in Frührente. Vor 13 Jahren. Vor elf Jahren gründete sich dann der Karnevalsverein. Heute ist Jubiläum. Jeck. 1 x 11 Jahre. Selbst Prinz Peter III. erkennt beim Besuch neidlos an: „Ihr baut die schönsten Wagen!“

Und nun auch noch eine Prunksitzung. Kaum zu glauben, es ist eine Premiere. Selbstgemacht. Der Mittelpunkt: das Viertel. Und die Marianer, von heute und gestern. Propst Markus Pottbäcker moderiert, spricht in der Bütt. Erzählt weltlich über Witze, die man eigentlich nicht machen darf. Schon gar nicht in Oberhausen. „In Alt-Oberhausen muss ich nicht erklären, wo Litauen liegt, aber jenseits des Kanals, in Sterkrade und Osterfeld?“

Ein Propst in der Bütt

Man lernt nicht aus, auch nicht als „Töfti, unser Mann in Berlin“ Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Oberhausen und der Spree-Metropole aufzählt. Fazit: Die wahre Hauptstadt liegt am Rhein-Herne-Kanal.

Nah am Wasser gebaut ist auch das „Ensemble l’Amour“: Heino und Al Bano & Romina Power erfinden die Marianer märchenhaft neu. Das hätte auch eine gute Fee nicht besser hinbekommen.

Vier Stunden eigener Spaß, die Blau-Gelben sind karnevalistische Gallier: Sie sind keinem Dachverband angeschlossen, verstecken sich aber nicht, bereichern die Züge und besuchen befreundete Vereine. Gibt es eine Fortsetzung der Sitzungspremiere? Man darf gespannt sein. Wunderbar einge-veedel-t.