„Weckruf“ in Sachen Gerechtigkeit

Ganze Seminare könnte er halten, wenn das Gespräch auf die Themen Bildung und Bildungsgerechtigkeit kommt. Klar, als pensionierter Lehrer und Bildungsgewerkschafter liegt das nah. Mit Norbert Müller, dem frisch gekürten Oberbürgermeisterkandidaten der Linken Liste, wird das Bildungsthema im Wahlkampf eine große Rolle spielen.

Vor erst rund einem Jahr ist er den Linken beigetreten, aber „als einer im linken Spektrum“ hat er sich seit jeher definiert. Norbert Müller war schon immer ein kritischer Zeitgenosse. Warum aber will der 66-Jährige Oberbürgermeister werden? „Mich treibt die Verteilungsungerechtigkeit um“, sagt der 66-Jährige. „Fast 4000 junge Menschen unter 25 Jahren beziehen in Oberhausen Hartz IV, über 1700 davon vier Jahre und länger. Das macht mich sehr, sehr nachdenklich. Es muss einen Aufschrei geben.“

Als Weckruf, als Signal versteht er auch seine Kandidatur. Müller will mehr Chancengleichheit für sozial Schwächere. „Kinder aus Arbeiterfamilien haben in unserem Bildungswesen immer noch das Nachsehen.“ Von der Bildungsrepublik Deutschland, die die Kanzlerin 2008 ausgerufen habe, sei man meilenweit entfernt.

Schlecht vorbereitet und ungenügend umgesetzt sieht er auch die Inklusion. „30er Klassen mit fünf behinderten Kindern, aber nur einem Lehrer und ein paar Stunden für den Sonderpädagogen, das geht gar nicht.“ Er fordert deutlich kleinere Einheiten und zwei volle Lehrkräfte pro Inklusionsklasse.

Bund und Landmüssten mehr tun

Eindeutig positioniert sich Müller gegen sogenannte PPP-Modelle (Öffentlich-private Partnerschaften) bei Schulgebäuden. „Die Stadt ist dann 30 Jahre lang nur noch Mieter, billiger ist es am Ende auch nicht und die Verträge durchblickt sowieso kein Politiker.“

Bei der Reinigung der Schulen spricht er von einer „Riesensauerei“. Vor zehn, fünfzehn Jahren habe es doppelt so viel Personal gegeben, das sich um die Schulreinigung kümmerte. Außerdem ist die Reinigung durch den offenen Ganztag schwieriger geworden. Bei den Reinigungskräften – von prekärer Arbeit spricht Müller hier -- gehe die Angst um, weil sie fürchten, „von ihren privaten Arbeitgebern eins drüber zu bekommen“, wenn es Beschwerden gebe. Eine App mit dem Namen Spartacus sei in seinen Augen ein Hohn. „Spartakus hätte schon längst für einen Aufstand von Reinigungskräften gesorgt“, sagt Müller. Fazit: Eine vernünftige Reinigung könne es nur geben, wenn die Stundenzahlen der Reinigungskräfte erhöht würden.

All das muss aber irgendwie bezahlt werden. Dass Oberhausen pleite ist, ist Norbert Müller bewusst. „Am eigenem Schopf können wir uns nicht aus dem Schuldensumpf ziehen.“ Bund und Land müssten viel mehr tun. Müller plädiert für eine Anhebung des Spitzensteuersatzes, für eine Vermögenssteuer, für eine Ausbildungsabgabe: „Der Reichtum, den es in Deutschland gibt, muss anders verteilt werden.“

An Zahlenspielen, wie viel Prozent er bei der OB-Wahl erreichen könne, will sich der Kandidat nicht beteiligen. Eine Empfehlung wird seine Partei auch nicht abgeben, wenn es zwischen SPD-Mann Tsalastras und CDU-Mann Schranz zur Stichwahl kommen sollte. „Beide vertreten die sozialen Kürzungen der vergangenen Jahre im städtischen Haushalt“, sagt Fraktionschef Yusuf Karacelik. Von daher sei auch klar gewesen, einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken, der eine linke Politik vertritt. „Das tut Norbert Müller.“