Was Polen und Deutsche beim Brauchtum unterscheidet und eint

Czeslaw Golebiewski, der Inhaber des polnischen Restaurant Gdanska am Altmarkt in Oberhausen, erhält am Sonntag, 10. Januar, den karnevalistischen Eulenorden.
Czeslaw Golebiewski, der Inhaber des polnischen Restaurant Gdanska am Altmarkt in Oberhausen, erhält am Sonntag, 10. Januar, den karnevalistischen Eulenorden.
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Was wir bereits wissen
Czeslaw Golebiewski erhält in Oberhausen den Eulenorden „Närrische Weisheit“. Der Gdanska-Wirt erzählt, was Deutsche und Polen unterscheidet und eint.

Oberhausen.. Mit seiner Kultur-Kneipe Gdanska am Altmarkt erreicht er Deutsche und Polen gleichermaßen: Am Sonntag kommt nun auch die „närrische Weisheit“ hinzu, wenn Czeslaw Golebiewski mit dem Eulenorden ausgezeichnet wird. Vorher erzählt der Wirt im Interview, was Brauchtum für ihn bedeutet.

Herr Golebiewski, wann haben Sie zum ersten Mal vom etwas eigentümlichen Völkchen der Karnevalisten gehört?

Czeslaw Golebiewski: Als ich zum ersten Mal an einem Rosenmontag in Köln besucht habe, war ich einfach nur platt. Da waren Hunderttausende Menschen auf der Straße. Da wurdest du angesprochen. Alle haben wie selbstverständlich miteinander etwas getrunken und miteinander gesprochen.

Was haben Sie damals gedacht?

Golebiewski: Aus meiner Heimat in Polen kannte ich so etwas wie Karneval nicht. Karneval hat hier ja eine so lange Tradition. Und erst nach und nach habe ich gemerkt, welche Leidenschaft dahinter steckt. Ich habe es langsam verstanden.

Sie erhalten nun den Eulenorden „Närrische Weisheit“, der nicht nur karnevalistische, sondern gesellschaftliche Verdienste ehrt. Waren Sie überrascht?

Golebiewski: Ja, es ist mir klar geworden, dass ich in dieser Stadt ein Teil der Gesellschaft geworden bin. Es ist mir deutlich geworden, dass ich meine Träume realisieren konnte. Und dies eigentlich jeder schaffen kann, der nur daran glaubt.

Gab es Zeiten, in denen Sie sich fremd gefühlt haben?

Golebiewski: Ich bin als Fremder in Oberhausen angekommen und fühle mich nun als fester Teil. Es ist wichtig, die Identität einer Stadt zu spüren.

Wie würden Sie gemeinschaftliches Brauchtum in Polen beschreiben?

Golebiewski: Traditionen sind in Polen meistens katholisch geprägt. Gläubige, die in die Kirche gehen, erhalten Auszeichnungen und Orden.

Und wie ist das mit den Vereinen?

Golebiewski: In Polen gibt es kaum Vereine. Polen, die nach Deutschland kommen, wundern sich immer. Schützenvereine, Sportvereine, es gibt für alles einen Verein und dann so viele davon. Das ist bewundernswert, sieben Leute treffen sich, haben und glauben an eine Idee und gründen schon einen Verein.

Wie schließen sich in Polen die Menschen zusammen?

Golebiewski: In Polen gründen sich mehr Gemeinschaften, die man mit Bürgerinitiativen vergleichen kann. Doch es wächst langsam. Es muss sich etwas in den Köpfen bewegen.

Wo sehen Sie beim Brauchtum zwischen Deutschen und Polen Ähnlichkeiten?

Golebiewski: Es gibt in den Regionen und Winkeln des Landes unterschiedliche kulturelle Ideen. In Deutschland erobern an Weiberfastnacht die Frauen die Macht. Die Studenten erhalten in einige Ecken von Polen an zwei Tagen im Jahr auch die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen. Stimmt, das hat nichts mit Karneval zu tun, aber es bestehen schon Ähnlichkeiten. Es geht wieder um Leidenschaft.

Gehen wir einige Jahre zurück zum Anfang: Wann sind Sie aus Danzig nach Deutschland gekommen?

Golebiewski: Das war im Jahr 1990. In Polen habe ich ja 13 Jahre als Lehrer gearbeitet. Ich bin damals im Sozialismus aufgewachsen. Die hohen Leute in der Partei hatten alles. Aber die einfachen Leute hatten Arbeit, etwas zu Essen und sonst nicht viel. Da gab es kaum etwas im Laden zu kaufen. Aber die Menschen haben zusammengehalten. Um sich zu treffen, brauchte man keinen Termin. Aber gut, es gab auch kein Telefon.

Hat Ihnen eine gewisse Unkompliziertheit in Deutschland am Anfang gefehlt?

Golebiewski: Ja, mir fehlte, nicht sofort mit den Menschen sprechen zu können. Aber nun gibt es plötzlich den Karneval. Da haben die Leuten miteinander gesprochen, egal, was für einen Beruf sie haben. Da habe ich Offenheit wiedererkannt.

Wie war es in der Zeit dazwischen?

Golebiewski: Ganz am Anfang war es nicht leicht in Deutschland, wenn du etwa an Heiligabend allein zu Hause sitzt. Später habe ich an der Lothringer Straße ein Ladenlokal eröffnet. Es kamen sofort Leute in den Laden. Sie haben getrunken und gequatscht.Und ich war nicht mehr alleine. Plötzlich war ich angekommen. Die Deutschen brauchen nur einen Schritt und einen Impuls. Du musst selbst das Herz aufmachen und kannst nicht erwarten, dass die anderen das für dich übernehmen. Ich habe es gerne gemacht. In Oberhausen war es wie ein Wunder.

In Polen hat sich das politische Klima gewandelt. Wie sehen Sie dies aus der Entfernung?

Golebiewski: Meine Sorge ist, dass selbst Intellektuelle jetzt Unsinn erzählen. Das ist gefährlich, dass es nicht die 20 Prozent sind, die es nach der politischen Wende nicht geschafft haben und die extreme Rechte gewählt haben. Es sind auch Menschen, die voll im Leben stehen und sich zuletzt geändert haben. Sie sprechen die Sprache von Kaczyński. Das bereitet mir aktuell große Sorgen. Demokratie darf niemals an zweiter oder dritter Stelle stehen.