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Vertrauen ist alles

10.04.2010 | 21:21 Uhr
Vertrauen ist alles

Christa Stemmermann hat sich schon immer für die besonderen Fälle interessiert. Für die, bei denen alles ein bisschen schwieriger ist. 17 Jahre lang hat sie im St.-Clemens-Hospital unzähligen Babys auf die Welt geholfen. 2006 gab sie dann ihren sicheren Job als Geburtshelferin auf, um Familienhebamme zu werden. Auch wenn der Neustart als Selbstständige ganz schön mutig gewesen ist, wie sie rückblickend meint, so sei die Fortbildung vom Hebammenbund „genau das Richtige“ gewesen.

Was macht eine Familienhebamme? Das musste Christa Stemmermann in ihrem ersten Jahr immer wieder erklären. Besonders den Mitarbeitern vom Jugendamt, auf deren Unterstützung sie angewiesen war. Nicht nur wegen der Vermittlung, sondern auch, weil ihre Arbeit von der Stadt bezahlt wird. Dass es Familien gibt, die besonders auffällig sind und deshalb einen besonderen Hilfebedarf haben, war auch im Jugendamt bekannt; neu war jedoch, dass es nun eine Hebamme gibt, die über die üblichen acht Wochen hinaus Mütter unter ihre Fittiche nimmt. Die das Vertrauensverhältnis nutzt, um überforderten Frauen zur Seite zu stehen. So wie bei Sandra vom Hofe, 31 Jahre alt und mit dem neunten Kind schwanger. Als 2006 ihr dreieinhalb Jahre alter Sohn stirbt, klappt plötzlich gar nichts mehr. „Ich hab alles vernachlässigt“, sagt sie, „war nur noch überfordert.“ Als das Jugendamt das mitbekommt, werden ihr die Kinder weggenommen, fünf sind es damals noch, mit dem sechsten ist sie schwanger.

„Meistens sind es ganz junge Mädchen“, sagt Christa Stemmermann über ihre Klientel, „auch solche aus Mutter-Kind-Heimen.“ Frauen, die geschlagen werden, mit Drogenproblemen, mit seelischen, psychischen und intellektuellen Defiziten. Es geht um ganz profane Dinge wie Ernährung und Körperpflege, aber auch um die besonders wichtige Mutter-Kind-Bindung. „Als Hebamme hat man einen ganz anderen Draht“, erklärt Stemmermann, warum ihre Hilfe in den meisten Fällen angenommen wird. „Da sind Familien, die seit Generationen schon vom Jugendamt betreut werden. Wenn die das Wort hören, machen die schon dicht.“

Es ist nicht Lieblosigkeit, wie Christa Stemmermann immer wieder feststellt, sondern Unwissenheit, die es Frauen schwer macht, gute Mütter zu sein. Meistens liege es daran, dass sie es selbst nicht anders erfahren haben. Wie die 15-Jährige, die nie zuvor im Leben eine richtige Mahlzeit vorgesetzt bekam, keinen Esstisch in der Wohnung hat und dann natürlich nicht weiß, was sie ihrem Kind kochen soll. Oder eine andere, die ihr Baby einfach weckt, wenn es mit ihr spielen will. Stemmermann. Sie muss noch lernen, die Bedürfnisse ihres Kindes zu akzeptieren.

„Manchmal komme ich mir vor wie die Super-Nanny“, sagt Christa Stemmermann und lacht. Sie hat eine sympathische Art; verständlich, dass die Mütter Vertrauen zu ihr fassen. Die große Kunst sei es, Ratschläge zu geben, ohne dass die Frauen es merken. Der erhobene Zeigefinger bringe gar nichts. Man müsse mehr auf Unterstützung als auf Kontrolle setzen. „Natürlich melde ich, wenn ich den Verdacht habe, dass ein Kind misshandelt wird“, sagt sie. Aber wenn man hilft, sollte man es nie von oben herab tun.

Ein Jahr lang bleibt Christa Stemmermann bei einer Familie, bei den vom Hofes sind es schon zweieinhalb, weil in der Zwischenzeit zwei Kinder geboren wurden. Ein weiteres kommt im Sommer. „Irgendwann werde ich es alleine schaffen“, sagt die Mehrfach-Mutter.

Rusen Tayfur

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