Totgesagte leben länger

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Was wir bereits wissen
Katrin Krolzick unterrichtet Latein am Elsa-Brändström-Gymnasium in Oberhausen. Sie ist überzeugt: Die Sprache hat auch heute noch ihre Berechtigung.

Oberhausen..  Der Ringfinger verrät Katrin Krolzick sofort. Mit schwarzem Kuli hat sie darauf ein Wort geschrieben: Akkusativ. Der vierte Fall am vierten Finger. Eine Eselsbrücke für die Klasse 8a/b des Elsa-Brändström-Gymnasiums und ein Signalwort. Katrin Krolzick, 31, ist Lateinlehrerin. Eine von 21 in Oberhausen. Grau und verstaubt wie das Image der Sprache ist sie allerdings nicht: Die junge Lehrerin macht die so oft totgesagte Sprache lebendig.

Ende 2014 bekräftigte das NRW-Schulministerium Pläne, auf das Latinum als Voraussetzung für das Lehramtsstudium einer Fremdsprache wie Englisch oder Französisch zu verzichten. Das endgültige Aus für die ungesprochene Sprache? Auch Geschichts- oder Philosophiestudenten sollen ohne Latinum an die Unis kommen, bei Medizinern und Juristen reicht ein Grundkurs. Wenn selbst die Bildungselite keinen Lateinstempel mehr braucht, warum dann das ganze Pauken?

Latein ist wie puzzeln

„Mythologie- und Kulturkompetenz wird durch Latein genauso gefördert wie das Lernen von Grammatik“, sagt Krolzick. „Für mich ist Latein wie puzzeln, und genauso versuche ich meinen Schülern das zu vermitteln.“ Spielerisch, mit viel Spaß an der Sprache mit den kniffeligen Konstruktionen. Die Relativpronomen „Qui, quae, quod“ lernten die Schüler zur Melodie von „Viel Glück und viel Segen“. Die Futurformen wurden in einen schrägen Zauberspruch verpackt. Auch das ist Latein. „So bleibt es besser hängen, als wenn sich die Schüler Zeile für Zeile durch einen Cäsar-Text quälen“, sagt Krolzick. Hinzu kommen Ausflüge zur Villa Borg nach Trier, zum Archäologiepark nach Xanten oder der Vergleich des Oberhausener Aquaparks mit den Thermen der alten Römer: So geht Lateinunterricht heute. Er verbindet Sprache Politik, Geschichte und Philosophie. Während Krolzick über die Möglichkeiten ihres Fachs redet, beginnt ihr Hund tief und herzhaft zu gähnen. Sie muss lachen. „Ja, ich weiß, Latein hat trotzdem ein Image-Problem.“

Für Krolzick liegt der Grund an den Universitäten. Angehende Lehramtsstudenten, die kein Latinum in der Schule gemacht haben, mussten dies bisher in einem Unikurs nachholen. „Da gibt es wirklich nur stures Übersetzen und Pauken, keine Veranschaulichung.“

Auch sie habe das in ihrem Studium erlebt: „Die Dozenten vergessen, wie es ist, die Sprache gerade erst zu lernen. Daher kommen dann die Horrorgeschichten.“ Latein, so findet die Wanne-Eickelerin, sei als „Grundgerüst vieler anderer Sprachen“ wertvoll, um Fremdwörter zu verstehen und in der eigenen Sprache souverän formulieren zu können. Eine Basis also, die nicht sterben darf? „Sic!“ Sagt da das Lateinerherz: So und nicht anders.