So wächst Europa auch zusammen
12.02.2008 | 17:16 Uhr 2008-02-12T17:16:00+0100
Großrazzien im Milieu braucht die Kriminalpolizei kaum noch. „Ich EU”, sagte die Dame zum Kommissar.
Zum Schmunzeln ist dem Personal des Kriminalkommissariats 11, das sich unter anderem mit der Prostitution zu beschäftigen hat, wahrlich nicht oft. Aber kürzlich musste Herbert Lenhart, Chef der 15köpfigen Truppe, es doch: Bei einer Personalüberprüfung im Bordellbezirk Flaßhofstraße beteuerte einer der deutschen Sprache nur für ihre Zwecke mächtige Dame immer wieder: „Ich EU.” Sie kam aus Slowenien, und Lenhart meint: „Da musste ich erstmal nachgucken, es ging ja so schnell mit der Ost-Erweiterung der Europäischen Union, dass man schon ins Grübeln kommen konnte.” Der Fortschritt der europäischen Einigung hat ein Stück weit auch die Kripo-Arbeit im Milieu verändert: „Solche Großrazzien machen wir kaum noch”, sagt Lenhart, „denn der Personalaufwand steht mittlerweile nicht mehr im Verhältnis.”
Damen und Herren aus Osteuropa
Das war bis vor einigen Jahren noch anders. Da kam es bisweilen vor, dass gleich 96 Beschäftigte in den Bordellen aus Schwarzafrika kamen – und die meisten ohne Papiere, oder mit gefälschten. „Die Zeit ist auch vorbei”, blickt Lenhart, der seit 1985 das Geschäft vor Ort kennt, zurück: „Derzeit ist das Geschäft fest in Händen von Osteuropäern. Deutsche spielen kaum eine Rolle, Türken auch nicht mehr, selbst auf Albaner treffen wir seit etwa einem Jahr nicht mehr.” Wenn er in der männlichen Form spricht, meint er auch Männer, denn sie geben den Ton an im Geschäft mit dem, was gern als „käufliche Liebe” verniedlicht und verharmlost wird.
Mit moralischen Kategorien will Lenhart gar nicht erst an das Problem gehen: „Für uns geht es um die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen. Stellen wir fest, dass gegen sie verstoßen wird, greifen wir zu.” Das ist einfacher gesagt als getan, denn den „klassischen” Zuhälter, der mit körperlicher Gewalt vorgeht, trifft man immer seltener. „Menschenhandel” heißt ein Delikt, und Lenhart weiß, wie die „Herren” vorgehen: „Junge Frauen werden hierher gelotst, die fast immer wissen, worum es geht. Das Geld lockt am meisten. Wenn eine Bulgarin, Rumänin oder Litauerin im Monat 200 Euro in die Heimat schickt, geht es ihren Familien gut. Und die Männer sagen ihnen, dass sie Schulden abarbeiten müssen, für Überführung, Wohnung, Kleidung.”
Verfahren sind selten
Nur selten kommt es zu Verfahren, weil sich kaum jemand wehrt. „Sechs oder sieben hatten wir im letzten Jahr”, sagt Lenhart, der einige Mitarbeiterinnen in seinem Team hat, die mit spezieller Ausbildung häufiger Zugang zu den oft erst 18 oder 19 Jahre jungen Frauen finden, oft auch helfen können.
Zugang anderer Art hat die Kripo schon längst: „Die Szene ist an einer gewissen Ruhe interessiert, kooperiert daher auch häufig.” Das trifft beispielsweise auf Delikte wie Hehlerei oder Drogenhandel zu. Letzterer findet in der Flaßhofstraße übrigens so gut wie nicht statt. Und das illegale Glücksspiel, das rund um den Rotlicht-Bezirk in Oberhausen einst eine Hochburg hatte, gibt es praktisch nicht mehr.
Problematischer (weil stetig wachsend und einigermaßen neu) wird die Privat-Club-Szene, die immer stärker ins Visier der Ermittler rückt. Mit Kontrollen in dichter Folge und enger Zusammenarbeit mit dem städtischen Ordnungsamt verschafft sich die Polizei Über- und Einblick. Nicht zu viel verraten will Lenhart da, aber: „Es bestehen Vernetzungen, und die Hintermänner sind uns bekannt.”
Bei aller Arbeit am Thema, die wohl nie enden wird, ist Lenhart über eins dann doch froh: „Gut, dass wir keinen Straßenstrich hier haben.” Versuche, einen einzurichten, verhinderten die Polizei und der Regierungspräsident, der Mitte der 70er Jahre Oberhausen zum Sperrbezirk erklärte.

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