So kam Frieden nach Oberhausen – Erinnerungen ans Kriegsende

Karl-Heinz Bonmann erlebte als 17-jähriger das Ende des Zweiten Weltkriegs in Oberhausen und erzählt  von seinen Erlebnissen.
Karl-Heinz Bonmann erlebte als 17-jähriger das Ende des Zweiten Weltkriegs in Oberhausen und erzählt von seinen Erlebnissen.
Foto: Lars Fröhlich
Was wir bereits wissen
Vor 70 Jahren, am 11. April 1945, endete in Oberhausen der Zweite Weltkrieg. Karl-Heinz Bonmann erlebte als 17-Jähriger die „große Befreiung“.

Oberhausen.. Es war ein bedeckter Tag. Nicht sonnig, nicht regnerisch. Typisch für die Jahreszeit. Doch eines war besonders an diesem Apriltag in Oberhausen. Es war ruhig. Keine Bombeneinschläge, kein Artilleriebeschuss. „Eine Totenstille, schon seit dem Morgen“, erinnert sich Karl-Heinz Bonmann an den 11. April 1945. Heute vor genau 70 Jahren endeten in Oberhausen die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges.

Nachdem die Alliierten am 23. März den Rhein bei Rees überquert hatten, standen sie einige Tage später bereits am Rhein-Herne-Kanal. Am 11. April brachen schließlich US-amerikanische Truppen über Essen nach Oberhausen durch.

Kaugummi und schiefe Mütze

„Kaugummi in der Backe, schief sitzende Militärmütze auf dem Kopf, das Maschinengewehr in Vorhalt.“ Das Bild der Soldaten hat Karl-Heinz Bonmann noch vor Augen. „Beim Einmarsch fiel uns allen eine große Last von den Schultern.“ Das Kriegsende sei eine „große Befreiung“ gewesen. Die Stimmung davor war kaum zu beschreiben. „Man wollte einfach nur überleben.“ Ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen, sahen die Oberhausener dann wieder hoffnungsvoll in die Zukunft.

Der Liricher war damals 17 Jahre alt. Eigentlich hätte er als Soldat an der Front kämpfen sollen, der Stellungsbefehl kam am Heiligen Abend 1943. Aber Bonmann desertierte. Er blieb in der Heimat und half seinem Vater bei der Versorgung der Verletzten.

Einen Opel mit umklappbaren Sitzen hatten sie zu einem Krankenwagen umfunktioniert. Bonmann fuhr mit einem Freund damit durch die Stadt, sammelte Tote und Verletzte von der Straße.

Keuchhusten und Diphtherie

Die Verwundeten brachte er zum Vater, der als Arzt im Bunker unter der Zeche Concordia arbeitete. „Da herrschten Verhältnisse, das kann man sich nicht vorstellen.“ 7000 Menschen hatten in den Stollen Schutz gesucht. Es grassierten Keuchhusten und Masern, Diphtherie und Scharlach. Kranke wurden versorgt, Kinder kamen auf die Welt, Menschen starben.

Auch am 11. April war Bonmann bei seinem Vater. Er hatte ihm gerade etwas zu Essen gebracht. „Da hieß es plötzlich: Die Amerikaner sind da.“ Bonmanns Vater lief aus dem Bunker, den Soldaten entgegen, Sohn Karl-Heinz folgte ihm. Der Arzt hatte den Tag der Befreiung herbeigesehnt.

Seit Beginn des NS-Regimes hatte er sich gegen die Partei gestellt, hat sich zum Beispiel geweigert, geistig behinderte Kinder zu melden, wie es eigentlich verlangt war. Weil er öffentlich Kritik geübt hatte, kam er 1934 vor Gericht. Ihm wurde verboten, als Knappschaftsarzt zu arbeiten.

„Braune Idioten“

Auch Sohn Karl-Heinz Bonmann hat sein Leben riskiert. Nicht nur, weil er desertierte: Er sammelte auch Flugblätter der Alliierten und versteckte sie im Keller. Nazi-Plakate riss er ab. Ein Flugblatt mit Durchhalte-Parolen verteilte der damals 17-Jährige tatsächlich in der Nachbarschaft: „Als Klopapier. Hatte genau die richtige Größe.“

Gerne erinnert sich der heute 87-Jährige nicht an die Kriegsjahre. Was ihn noch heute traurig macht: „Dass mein Bruder nicht zurückgekehrt ist. Und dass zehn Jahre nach dem Krieg die Nazis von früher ihre Posten wieder innehatten. Diese Idioten in Braun.“