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Antibullying

Schule als angstfreie Zone

24.11.2009 | 18:15 Uhr

Kriminaloberkommissarin Kerstin Skrzypczak vom Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Oberhausener Polizei befürwortet die Antibullying-Strategie, mit der ein angenehmes, angstfreies Schulklima auch für die Lehrer geschaffen werden soll.

Kriminaloberkommissarin Kerstin Skrzypczak (39) erreichen immer wieder Hilferufe von Lehrern. Die wollen von der Expertin für Gewaltprävention wissen, was sie um Himmels Willen tun sollen, wenn . . ., etwa ein Grundschüler ein Messer mit zur Schule bringt und einen Schulkollegen damit bedroht. „Das war der extremste Fall, den ich bisher hatte”, sagt Skrzypczak. Ihre Empfehlung: Das Messer abnehmen, die Polizei rufen. Dem Kind klar machen, wie schlimm das ist, was es getan hat. Grenzen setzen.

Viel besser ist, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Patenrezepte gibt es dafür vielleicht nicht, aber Strategien. Die Mitarbeiterin des Kriminalkommissariates für Kriminalprävention und Opferschutz ist eine Befürworterin der „Antibullying-Strategie”. Sie wurde von dem norwegischen Professor Dan Olweus in den 80er Jahren entwickelt, nachdem sich dort drei Bullying-Opfer umgebracht hatten. Wobei der Begriff Bullying aus dem Englischen kommt, so viel wie tyrannisieren heißt, verbale Attacken und Demütigungen bis hin zu körperlichen Angriffen umfasst.

Niederschwelliges Programm

Die Übersetzung macht schon deutlich, was auch Skrzypczak betont: „Es handel sich um ein niederschwelliges Programm.” Wehret den Anfängen, könnte man auch sagen. Ziel ist: ein angenehmes und angstfreies Schulklima zu schaffen – auch für die Lehrer.

Am Elsa-Brändström-Gymnasium läuft das Programm seit einem Jahr. „Es hat sich bewährt”, betont Schulleiterin Dr. Erika Risse. Sie findet gut, dass die Eltern dabei mit im Boot sitzen.

Auch an Grundschulen

Skrzypczak wünscht sich, dass so viele Schulen wie möglich die Strategie nutzen. Sie hat sie jetzt auch den Grundschulen vorgestellt, die sie modifiziert anwenden könnten. Nach Meinung der Kriminaloberkommissarin ist die Strategie auch wichtig, um kriminellen Karrieren vorzubeugen. Denn selbst auf diesem Sektor gilt wohl der Spruch: Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Die Polizei fand heraus: Viele Intensivtäter waren früher Bullies, Kinder, die andere tyrannisierten. Ein weiteres Argument, früh vorzubeugen: „Man hat festgestellt, dass Amokläufer an Schulen immer selber einmal Mobbingopfer waren”, sagt Skrzypczak.

Zahlen sprechen noch ihre eigene Sprache. Die Fälle der vorsätzlichen leichten Körperverletzung in Oberhausen stiegen von 492 im Jahr 1998 auf 1405 im Jahr 2006. Die Anzahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren kletterte im gleichen Zeitraum von 120 auf 406.

Schüler stellen eigene Regeln auf

Dan Olweus Strategie ist eigentlich recht einfach. Das Programm wird in die Schulordnung aufgenommen. Eltern, Lehrer und Schüler arbeiten zusammen. Die Kinder füllen Fragebögen aus, geben an, wer schon mal so etwas wie Bullying erlebt hat. Am Elsa-Brändström-Gymnasium waren das drei bis vier Schüler in beinahe jeder Klasse. Dann stellen die Klassen ihre eigenen Regeln auf, die auf einem großen Plakat in der Klasse aufgehängt werden. Skrzypczak: „Dass sie in Ruhe lernen wollen, niemand anderem was wegnehmen oder jemanden, der etwas sagt, nicht verbal attackieren.” Den Regeln werden Sanktionen gegenübergestellt. Blätterfegen für einen Verstoß etwa.

Wer Verstöße bemerkt und sie meldet, ist keine Petze mehr. Betroffene Kinder können sich leichter anvertrauen. Kommt es zu einem Vorfall, legen Opfer und Bullie ihre Version der Ereignisse schriftlich nieder. Die Texte klären auch, wie es angefangen hat. „Sie nehmen ein bisschen Luft aus der Sache, als wenn sich die Parteien einfach so gegenüberstehen”, hat Risse erfahren. Damit alles ein gutes Ende nimmt, gibt es ein abschließendes Gespräch mit Opfer und Bullie, wie sie sich die Zukunft vorstellen.

Kommentar

Bullying: Es muss nicht rohe Gewalt sein. Wer sich „nur” fies oder bösartig gegenüber anderen verhält, der kann ungeahnt Schreckliches in der Seele des Opfers auslösen, eine Lawine des Unglücks ins Rollen bringen. Kerstin Skrzypczak weiß um die Empathie als bedrohte Spezies. Wenn die Protokolle der Opfer in der Klasse vorgelesen werden, ist es dort totenstill. Herrscht große Betroffenheit. Das allein zeigt, wie wichtig die Antibullying-Strategie ist und dass sie so früh wie möglich vermittelt werden sollte.

Andrea Micke

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