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Scheeßel, wir kommen! "Helga!"

20.06.2007 | 09:11 Uhr

Viktoria (17), Dora (19) und Carolin (19) fahren zum Hurricane-Festival. Im Gepäck: Sagrotantücher, Kassetten, ein Zelt für sechs Personen, Marmelade für morgens und Würstchen für abends

Wenn ihr die Zeitung heute erst nach 15 Uhr lest, dann sitzen Dora, Carolin und Viktoria schon im Ford Fiesta und sind auf dem Weg nach Scheeßel. Scheeßel? Richtig: zum Hurricane-Festival, das dort morgen bis Sonntag den Landkreis Rotenburg rockt.

Mein Zelt wird auch dabei sein (das hat mein Freund Clemens. Clemens, benimm Dich bloß), aber ich bleib lieber hier und schaue mir für lau und vor der Haustür Tocotronic bei Bochum Total an. "Das ist ja wohl so richtig Scheiße", schimpfen Dora und Carolin, die nicht nur Festivals, sondern auch Indierock mit deutschen Texten mögen.

Als kleines Trostpflaster haben sie sich die Toco gestern auf DVD angeschaut. Tja, man kann nicht alles haben, dieses Problem wird sich wohl auch in Scheeßel nicht ganz aus der Welt schaffen lassen. Dora studiert den Flyer mit dem Programm: "Wir müssen eher bei Bloc Party abhauen, weil wir sonst Bright Eyes verpassen."

An dieser Stelle eine versöhnliche Nachricht für die Mädels: Laut hurricane.de spielen Bloc Party zwar immer noch am Samstag um 19.30 Uhr auf der Grünen Bühne. Aber Conor Oberst wird die Mädchen erst um 22.30 Uhr entzücken - nicht wie zunächst geplant um 20.45 Uhr.

Und sonst? Was guckt ihr euch an? "Deichkind, Beasty Boys, Sonic Youth, Fotos (die Band)..." Die Liste ist lang, aber machbar. Carolin und Dora haben schon Erfahrung: "Den Fehler, an allen Tagen von Band zu Band zu hetzen, machen wir nicht mehr." Apropos keine Dummheiten machen: Bei Sonic Youth trefft ihr sicher Clemens, dem ihr bitte von mir ausrichtet, dass ich die Heringe gezählt habe. Während die beiden 19-Jährigen sich auf bekanntes Terain begeben, feiern Viktoria und der Fiesta mit dem Kassettendeck ihre Festival-Premiere.

Im Kofferraum quetschen sich neben Taschen, Proviant und Getränken ein Einweggrill, ein Sechsmannzelt und vier sich selbst aufblasende Luftmatratzen ("eine ist für den Notfall"). Vorne laufen Mixtapes, zum Beispiel "Geschlechter-Trennung". A-Seite: Männer; B-Seite: Frauen.

Zur A-Seite kann ich selbst was sagen: Ich kenne da jemanden, der fährt ohne Zelt auf ein Festival (Clemens, ich weiß, wo Du wohnst). Mit dabei: Ein verweichlichter Pfälzer, der nachts alleine mehr Hosen übereinander trägt als Seeed zusammengenommen, und der Erfinder der "Jägermeister-Gourmet-Suppe".

Was die B-Seite betrifft: Die Mädels haben Bikinis zum Duschen eingepackt. Dora: "Sonst fühlt man sich in den Massenduschen mit all den anderen nackten Frauen wie im Zoo." Und Papierpolster, die man auf die Klobrillen legen kann. Und Sagrotantücher. Und Abschminktücher.

Im kulinarischen Bereich hingegen kaum ein Unterschied: Bier, Prosecco, Grill, Toast. "Marmelade für morgens und Würstchen für abends" (Dora). Gut für die Abwehrkräfte. Das ist wichtig, denn in Scheeßel ist erfahrungsgemäß bescheidenes Wetter. Letztes Jahr gab's sogar einen Orkan. Dora: "Ich kam richtig erkältet zurück."

Eigentlich hatte sie nach so einem Einstand den Festival-Kaffee tüchtig auf. "Aber da spielen wieder so viele großartige Bands..." - die Vorfreude springt durchs Gesicht. Am Montag wollen die drei früh, aber gemütlich zurückjuckeln. Viktoria kann nicht so richtig entspannen. Sie fliegt noch am gleichen Tag nach Leipzig zu ihrem Vater, weil sie am Dienstag in dessen Kanzlei ein Praktikum beginnt.

Ich für mein Teil werd mal beim Clemens vorbeischauen. Reste-Essen und so. Ich hoffe, der hat auch abends noch Marmelade übrig. Ich mag nämlich keine Würstchen."Eine Luftmatratze ist für den Notfall"Wer hat das nicht schon mal auf dem Festival gehört: Den ganzen Tag ruft irgendwer nach einer "Helga". Dieser Running Gag hat seinen Ursprung vermutlich im Jahr 1990, hat sich jedoch langsam aber sicher überlebt. Oft kommt als Konter auf den Ruf ein "Helga ist tot". Dazu gibt's sogar schon Webseiten, zum Beispiel www.bambi-statt.helga.de.

Von Dirk Nordhoff

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