Retro-Romantik beim Festival "Ruhr in Love" – 14 Festnahmen

Beim diesjährigen "Ruhr in Love"-Festival in Oberhausen waren gut 400 Discjockeys zu Gange.
Beim diesjährigen "Ruhr in Love"-Festival in Oberhausen waren gut 400 Discjockeys zu Gange.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
48.000 Fans der elektronischen Musik feierten im Oberhausener Olga-Park „Ruhr in Love“. Die Anreise verlief auf manchen Bahnstrecken chaotisch.

Oberhausen.. Bullige Schallplatten habe ihre Glanzzeit hinter sich. Aber sie sind dennoch nicht kleinzukriegen – dank wohliger Retro-Romantik. Auch beim Elektro-Festival „Ruhr in Love“ läuft es für das gute alte Vinyl rund. 400 Discjockeys beschallen den Oberhausener Olga-Park. Und sie haben ihre Werkzeuge dabei.

Trotz zuletzt wieder gestiegener Verkaufszahlen des Rillentonträgers, sollte dies nichts verklären: Discjockeys sind kaum noch klassische Plattenaufleger. „Mit Vinyl arbeiten vielleicht noch fünf Prozent“, sagt „Ruhr in Love“-Veranstalter Oliver Vordemvenne. CDs, USB-Sticks und digitale Mischpulte sorgen heutzutage für die Klangverarbeitung. Ein Handwerk bleibt es trotzdem. Die Mischung macht's.

Besucherzahl des "Ruhr in Love" in zehn Jahren verdoppelt

Das Vinyl baumelt bei „Ruhr in Love“ immerhin an einer der 40 Tanzflächen als Dekoration an Kordeln. Klangloses Wippen im Schall-Getöse elektronischer Stilrichtungen wie Techno, House, Acid oder Hardcore. Unverschämte Zurschaustellung ausgedienter Knack-Beschallung oder liebeswürdige Hommage an volles Hörvolumen – wer weiß das schon?

Ruhr in Love Letzteres würde sicher besser zum Namen des Musikfestivals passen, das 2003 im Gelsenkirchener Nordsternpark begann und seine Klangtürme schon ein Jahr später auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau in Oberhausen-Osterfeld pflanzte. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Zuspruch dort mehr als verdoppelt: Die 46.000 Besucher des Vorjahrs wollten die Veranstalter auch 2015 erreichen – und schafften am Ende sogar 48.000. Selbst mit einer moderaten Steigerung dieser Zahl ist das Osterfelder Parkgelände, auf das Tanzfreunde nur mit einer Eintrittskarte gelangen, noch nicht komplett ausgelastet.

400 Discjockeys bespielen 40 Tanzflächen

„Ruhr in Love“ funktioniert als Melange der Genre, die gerne als Techno in einen Topf gesteckt werden. Das Festival funktioniert wie eine Kirmes der Klänge, bei der sich vier Jungs an „Jupp's Grill“ eine Mettwurst gönnen. Und „Marios Pizza“ von Tanzflächen eingekeilt ist. Dort wird dann nebenan Adriano Celentanos „Azzurro“ durch den Elektro-Fleischwolf gedreht. Nacheinander. Nein. Gleichzeitig. Ja. Ständig. Immer.

Discjockeys beschallen auf 40 „Floors“ immer einen Teil des Ganzen: Jede Freiluft-Tanzfläche ist eine Welt für sich. Vom Trubel nur wenige Meter nebenan bekommt man nichts mit, wenn man im Schallkegel steht. Wechseln Tänzer aber in die Mitte des Festivalgeländes, mischen sich die Klangwolken zu einem Wumms-Bumms-Brei. Das schreckt nicht ab, es lockt an. Aufleger und Gut-Aufgelegte kommen mitunter von weither. Hannover. Hessen. Holland.

House, Techno, Acid, Hardcore – Melange der Genres

Geschätzte 400 Paar Beine sind sich auf der Tanzfläche „Extra Bunt“ mit der Grasnarben nicht grün. Diese verschwindet mit jedem Tanzschritt im 4/4-Takt um einen Halm mehr. Nebenan ist das „Hexenhouse“ mit Schallakrobatik beschäftigt und will von Arm-Hochhebern wissen „Wollt ihr noch mehr?“, während die „Party-Fraktion Wattenscheid“ den Sprech-Anteil eingestellt hat und stattdessen nicht am Zappel-Modus geizt. Langes Quatschen ist kaum möglich. „Wir feiern die ganze Nacht!“, schreit einer seinem Nachbarn zu. Stimmt nicht. Zumindest „Ruhr in Love“ endet um 22 Uhr. Aber in umliegenden Diskotheken sollen es ja noch bei Aftershowpartys weitergehen.

Ruhr in Love Vieles ist heute sowieso Interpretationssache: Sicher auch, dass der Begriff Naherholung in der Parkanlage bis ans äußerste Ende des Blumenbeets gedehnt wird. Trotz genügend Wiesen zum Eindösen erschallt aus den Boxen ein Permanent-Wecker. Dosen mit Sonnenmilch machen die Runde. Manch einer zuppelt die Blumenkette zur Seite und schiebt die Träger des Shirt hinunter. Andere pfeifen auf die Sonnen - sie pfeifen in der Parkanlage Ohrwürmer. Stücke von „East & Young“, „Felix Kröcher“ oder „AKA AKA feat. Thalstroem“, die auf der Hauptbühne beschallen. Die Musik reicht bei „Ruhr in Love“ von radiotauglich bis zu abstrakten Liebhaberstücken. Eine Liebeserklärung an die Vielfalt.

Anreise verzögerte sich nach Streckensperrung

Wenig harmonisch und teilweise chaotisch verlief allerdings die Anreise zum Festival am frühen Samstag: Nach Auskunft der Bundespolizei hatten in mehreren Zügen, darunter auf der Strecke von Düsseldorf nach Duisburg, Reisende die Notbremse gezogen und dann auf freier Strecke den Zug verlassen. Ein Reisender sei in ein Krankenhaus gebracht worden. Er habe sich einen Arm gebrochen, als er aus einem Zug gesprungen war. Zudem hätten mehrere Fahrgäste Schürfwunden erlitten. Die Bundespolizei geht davon aus, dass die Reisenden die Notbremsen aufgrund mangelnden Platzes und schlechter Luftverhältnisse gezogen hatten.

Viele Festival-Besucher mussten lange auf nachfolgende Züge warten: Folglich reisten auch am späten Nachmittag noch Besucher zu „Ruhr in Love“ an. Die Polizei Oberhausen vermeldet erst um 18 Uhr: „Die Anreise der Raver ist durch.“

Polizei nahm 14 Festivalgäste fest

Die Festival-Bilanz der Polizei: 14 Partygäste wurden festgenommen. Zwölf davon wegen Drogenvergehen – gegen zwei weitere lag ein Haftbefehl vor. Zudem schrieb die Polizei 400 Anzeigen wegen kleinerer Drogendelikte. Im Vorjahr waren es ähnlich viele. 50 Feiernde mussten wegen einer Alkoholvergiftung oder übermäßigen Drogenkonsums ins Krankenhaus. Auch Minderjährige seien dabei gewesen, so die Polizei.

Die Polizei setzte auf dem Gelände und in der Umgebung Zivilfahnder ein, die besonders den Drogenhandel im Visier hatten. Im vergangenen Jahr hatte es nach Angaben der Polizei 22 Festnahmen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegeben. Zwei Jahre zuvor war eine Festival-Besucherin an den Folgen eines Drogencocktails gestorben.