Putzen, trinken, überleben

Foto: Essen

Saufgelage, Gegröle, Urinecken – die Szenetreffs von Alkoholkranken stoßen Anwohnern, Kaufleuten und Passanten übel auf. Wie aber kann man schwer abhängige Menschen motivieren, Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen? Die Antwort der Nachbarstadt Essen ist das Projekt „Pick Up“: Mehrfachabhängige halten dort den Willy-Brandt-Platz am Hauptbahnhof sauber.

„Allein mit ordnungspolitischen Maßnahmen wie etwa Platzverweisen kann man der Probleme nicht Herr werden“, erklärte Oliver Balgar, Suchthilfe Essen, jetzt den Mitgliedern des Sozialausschusses in Oberhausen. „Pick Up“ binde die Menschen mit ein. Aktuell beteiligen sich neun am Projekt. In Arbeitskluft der Essener Entsorgungsbetriebe und ausgestattet mit Besen und Abfallsäcken sammeln sie täglich vier bis sechs Stunden Müll ein.

„Pro Schicht machen die Teilnehmer zwei bis drei Reinigungsrouten.“ Ihr Stundenlohn beträgt 1,25 Euro. Das Geld wird täglich ausgezahlt. „Abgezogen wird ein Euro für das tägliche Essen. Die Teilnehmer können zudem duschen und erhalten frische Kleidung.“ Außerdem bekommt jeder bis zu drei Flaschen Bier pro Schicht. „Das Bier ist allerdings zweitrangig für die Menschen“, betonte Balgar. Viel wichtiger sei ihnen die neue Tagesstruktur und die Wertschätzung durch andere. Einige, die bislang obdachlos waren, lebten mittlerweile in einer Wohnung oder einer betreuten Wohngruppe.

Ein nicht zu unterschätzender Effekt sei auch, dass die Menschen über ihre eigene Situation nachdächten, auch darüber, es vielleicht doch noch mal mit einer Entziehung zu versuchen. Außerdem verbessere sich ihre gesundheitliche Situation. Balgar machte aber auch deutlich, dass es bei „Pick Up“ weniger um Therapie als vielmehr um das Überleben der Betroffenen gehe.

Das Projekt entstand in Absprache mit dem Jobcenter Essen und wird aus dem Maßnahmeprogramm Arbeitsgelegenheiten finanziert. Ein Vollzeitmitarbeiter und ein Sozialpädagoge in Teilzeit gehören zum Team.

Fraktionsübergreifend zeigten sich die Mitglieder des Sozialausschusses von „Pick Up“ angetan. Die Stadt ist nun aufgefordert zu prüfen, inwieweit eine Umsetzung auch in Oberhausen möglich ist. Balgar: „Jede Kommune muss da ihren eigenen Weg finden.“