Prozess um totes Baby in Oberhausen - die schwierige Suche nach dem Warum

Anwohner hatten im November vergangenen Jahres Kerzen an der Fundstelle aufgestellt.
Anwohner hatten im November vergangenen Jahres Kerzen an der Fundstelle aufgestellt.
Foto: Ulla Emig/WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Prozess um die Mutter, die in Oberhausen ihr Baby aus dem Fenster geworfen hat: Verteidiger bringt erstmals den Begriff „seelische Störung“ ins Spiel.

Oberhausen.. Die Suche nach dem Warum geht weiter. Wieso hat die junge Frau keinen anderen Weg gesehen als ihr gerade neugeborenes Baby aus dem Fenster zu werfen? Was ging in der 26-Jährigen vor? Diesen Fragen widmet sich das Schwurgericht an diesem dritten Verhandlungstag – und beleuchtet den persönlichen Werdegang der Angeklagten, die die Tat bereits zu Prozessbeginn Ende Mai gestanden hat.

1989 kommt die Oberhausenerin zur Welt. Ihre Kindheit verläuft „normal“, wie sie den medizinischen Gutachtern in der Untersuchungshaft schilderte. Deren Bericht hält das Gericht der Angeklagten nun vor.

Noch als Teenagerin die Pille abgesetzt

Mit der Pubertät kommen die ersten Probleme: Als 15-Jährige wird sie verschlossen, spricht mit der Mutter, mit der sie bis dato ein gutes und liebevolles Verhältnis hatte, nicht mehr über Probleme. Mit 15 ist sie sich auch das erste Mal verliebt. Mit 16 Jahren hat sie ihren dritten Liebhaber.

Kurz darauf soll sie ihre Pille wegen Hautproblemen wechseln. Sie setzt sie aber komplett ab. Ihren Partnern sagt sie davon nichts. Warum? „Ich weiß nicht, warum ich so verantwortungslos war.“

Die Konsequenz folgt prompt: Mit 17 Jahren ist die Oberhausenerin das erste Mal schwanger. Ihre Regel bleibt aus, aber einen Test macht sie nicht. Sie ist bereits im 5. oder 6. Monat, als sie sich von ihrem damaligen Freund in die Niederlande fahren lässt, um das Kind abtreiben zu lassen. Unter ähnlichen Umständen fährt sie auch 2013 für einen Schwangerschaftsabbruch ins Nachbarland.

Das Gefühl, versagt zu haben

Da ist sie bereits Mutter: 2010 bringt die Angeklagte ihre Tochter zur Welt. Auch dieses Mal hält sie die Schwangerschaft lange geheim. „Ich wollte, dass meine Eltern stolz auf mich sind“, sagt sie unter Tränen. Eine Schwangerschaft wäre bestimmt eine Enttäuschung gewesen.

So oft hat sie das Gefühl, als Tochter versagt zu haben. Das Gymnasium verlässt sie in der zwölften Klasse. Ihr erster Ausbildungsbetrieb kündigt ihr, weil sie die Berufsschule schwänzt.

Das Gericht tut sich jedoch schwer, die Angst, eine Enttäuschung zu sein, nachzuvollziehen. „Ich sehe dafür keine gravierenden Gründe“, sagt Richter Mario Plein. Doch der Verteidiger greift ein: „Wir können es vielleicht nicht begreifen, aber für meine Mandantin war es halt so.“ An diesem dritten Verhandlungstag spricht er zum ersten Mal von einer seelischen Störung.

Er kündigt auch an, einen weiteren Beweisantrag zu stellen, um genau diese Störung zu belegen. Darüber wird das Gericht noch zu entscheiden haben. Es könnte dazu führen, dass der Prozess nicht wie ursprünglich vorgesehen am 16. Juni mit dem Urteil endet, sondern fortgeführt werden muss.