Das aktuelle Wetter Oberhausen 11°C
Bildung

Projekt "Großer Bruder"

04.12.2009 | 08:00 Uhr
Projekt "Großer Bruder"

Männer und Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, die bereits im Berufsleben stehen, unterstützen Jugendliche, die den gleichen familiären Hintergrund haben.

Onur hat einen Traumberuf: Zerspanungsmechaniker. Doch wie kommt man an eine Lehrstelle? Wie schreibt man Bewerbungen, wie verhält man sich beim Vorstellungsgespräch? Der 17-Jährige hat viele Fragen. Die konnte er in den vergangenen Monaten seinem Mentor stellen, denn Onur macht mit beim Projekt „Großer Bruder – große Schwester” der Ayasofya-Moschee. Männer und Frauen mit Zuwanderungsgeschichte, die bereits im Berufsleben stehen, helfen jungen Menschen mit demselben Hintergrund, damit die es auch schaffen.

Das Projekt „Großer Bruder – große Schwester” leitet Sabahattin Tüzün. Foto: Gerd Wallhorn/WAZ FotoPool

Ismail Ocak ist Onurs „großer Bruder”, auch wenn er ihn „Onkel Ismail” nennt. Der 40-Jährige macht genau das, was Onur bald auch gerne tun möchte: Er arbeitet als Zerspanungsmechaniker, bei der Müllverbrennung Oberhausen. Geboren in der Türkei kam Ocak im Alter von fünf Jahren nach Deutschland. Genauer: nach Lirich. Dort wohnt und arbeitet er, ist mit dem Stadtteil fest verwurzelt. Beim Besuch der Ayasofya-Moschee erfuhr er vom Mentorenprojekt – und war gleich begeistert. „Ich habe eine 17-Jährige Tochter”, sagt Ocak, „ich kenne die Probleme.” Immer wieder höre man von türkischen Jugendlichen, meistens männlichen, die keinen Schulabschluss machen, keine Lust auf Schule haben. Als Mentor wollte Ocak sich stark machen für eines dieser „Problemkinder”.

Wenig Eigeninitiative

Auch Sabahattin Tüzün ist nah dran an diesem Thema. Der Mathe- und Physik-Lehrer koordiniert das Projekt der Moschee, das im Rahmen des Förderprogramms „Stärken vor Ort” gefördert wird. „Die Jugendlichen wissen teilweise nicht, was sie wollen oder wo sie sich Informationen holen sollen”, sagt Tüzün. „Die wollen immer abgeholt werden, wollen fertige Produkte haben, zeigen wenig Eigeninitiative”, lautet seine Kritik.

Als Onur die Schule verließ, hatte er mit seinem Schulabgangszeugnis – „das war nicht so berauschend” – wenig Chancen, das merkte er schnell. Jetzt besucht der 17-Jährige das Hans-Sachs-Berufskolleg und bastelt an seiner Fachoberschulreife. „Ich hatte nie Lust auf Schule”, bestätigt der Teenager das Klischee. Doch Onur hat inzwischen begriffen, dass es so nichts wird mit dem Wunschberuf. Er gibt alles – mit Erfolg: „Ich stehe in Mathe und Deutsch jetzt Zwei”, sagt er und strahlt dabei.

Sechs Module

Aus sechs Modulen besteht das Projekt „Großer Bruder – große Schwester”. Der Einsatz von neuen Medien zur Recherche gehört ebenso dazu wie Kommunikationstraining, das Erstellen einer Bewerbungsmappe, die Vorbereitung aufs Vorstellungsgespräch – und ein interkulturelles Kompetenztraining. „Jugendlichen mit Migrationshintergrund müssen lernen, wie sie sich zu verhalten haben”, sagt Sabahattin Tüzün. „Ein gewisses Körperverhalten in der eigenen Kultur kann in der deutschen Gesellschaft nicht so gut ankommen.”

Die Herkunftskultur soll jedoch keineswegs nur negativ betrachtet werden – im Gegenteil. Die Jungen und Mädchen sollen sich auch ihrer ganz besonderen Stärken bewusst werden. Sollen betonen, dass sie zwei Sprachen sprechen, sich in zwei Kulturkreisen zurechtfinden. Und somit auch eine gewisse Flexibilität und Sensibilität mitbringen, die sie von ihren Mitbewerbern vielleicht unterscheidet.

Jederzeit anrufbar

Orhan ist nicht der einzige, für den Ismail Ocak ein großer Bruder ist. Auch Oguzhan, 16 Jahre alt, profitiert vom Engagement des Familienvaters. Noch besucht der 16-Jährige die Gesamtschule Alt-Oberhausen, doch schon bald würde er sich gerne an einem Bankschalter wiederfinden. Erst beim gemeinsamen Training sei ihm aufgefallen, „wie viele Fehler ich mache”. Vom Projekt ist der Jugendliche begeistert, vor allem, „dass wir Onkel Ismail immer anrufen können”. Und: „Es ist etwas ganz anderes, hier etwas erklärt zu bekommen, als wenn das der Lehrer vor 30 Leuten macht.” Kinder aus Migrantenfamilien, sagt Sabahattin Tüzün, seien besonders auf solche Hilfen angewiesen, „Sie sind besonders gehandicapt, weil sie keine Unterstützung von der Familie bekommen.”

Onur und Oguzhan haben viel gelernt. Zum Beispiel: „Immer in die Augen schauen, fester Händedruck, ein bisschen ernst gucken.” Das mache bei jedem Chef einen guten ersten Eindruck. Sie hätten ihren Freunden jetzt einiges voraus, glauben die Jungen. Alles dank „Onkel Ismail”: „Wenn wir einen Ausbildungsplatz kriegen sollten, laden wir ihn zum Essen ein.”

Rusen Tayfur

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/2206218/create

Umfrage der Woche
Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Die Stadt Oberhausen hat zu Bürgerversammlungen zum Sparpaket eingeladen und ein Online-Forum geschaltet, in dem Bürger ihre Meinungen zu den Sparvorschlägen für den städtischen Haushalt kundtun können. Was halten Sie von dieser Form von Bürgerbeteiligungen?

Captcha

Bitte übertragen Sie den Code in das folgende Feld:

Wort unleserlich? (Neuladen)

 
Aktuelle Fotos und Videos
Brings im Ebertbad in Oberhausen
Bildgalerie
Konzert
Stimmen zum Rauchen
Video
Video
Radrennen in Oberhausen
Bildgalerie
Pfingstradrennen
Wohnhausbrand in Lirich
Bildgalerie
Feuer
Aus dem Ressort
Bald beginnt die Sterkrade Fronleichnamskirmes
Volksfest
Das Volksfest sei nicht weniger bedeutsam als Crange, finden Schausteller. Am Mittwoch geht’s los.
Rot-Grün: Hallenbäder bleiben offen
Kommunalpolitik
Oberhausener Regierungskoalition beerdigt Sparplan der Stadtverwaltung. Schließung von Sterkrade und Alt-Oberhausen sollte 2,7 Millionen Euro bringen