Perfektionismus machte Oberhausener krank

Blick nach vorn: An seinem neuen Arbeitsplatz lernt David Koconrek, alte Verhaltensmuster zu ändern.
Blick nach vorn: An seinem neuen Arbeitsplatz lernt David Koconrek, alte Verhaltensmuster zu ändern.
Foto: Fabian Strauch Photography / WAZ
Der gelernte Friedhofsgärtner war bei allen beliebt: Chefs und Kunden lobten, wie perfekt er Gräber pflegte, jede Pflanze saß akkurat. Doch dann ging es plötzlich nicht mehr weiter.

Oberhausen.. Dass in der Brieftasche von David Koconrek ein Behindertenausweis steckt, ist dem jungen Mann nicht anzusehen. Aber der gelernte Friedhofsgärtner gilt als schwerbehindert. Sein Leiden ist nicht körperlich, sondern psychisch. Burnout-Syndrom – das trifft das Krankheitsbild wohl am besten, das Ärzte bei dem 32-Jährigen vor einigen Jahren diagnostizierten. Einen Weg zurück ins Berufsleben fand er mit der Hilfe des Integrationsunternehmens „Ambulante Hilfen Schillinger“ und dem Jobcenter.

„Mein Problem war, dass ich immer 150 Prozent in meinem Beruf gegeben habe“, sagt David Koconrek. Sich selbst nennt er einen „Perfektionisten“. Die Gräber, die er als Vorarbeiter gestaltete, mussten nicht nur akkurat aussehen, sondern wie aus einem Werbekatalog: „Wenn eine Pflanze nur ein bisschen schlechter gewachsen war als die anderen, dann habe ich sie ausgetauscht.“ Seinen Chef freute der übertriebene Arbeitseifer, weil das Ergebnis die Kunden freute. Ein Ergebnis, das aber niemand sah, war, dass David Koconrek mehr arbeitete, als seine Psyche verkraften konnte – er selbst am allerwenigsten. „Ich habe keine Sensoren dafür“, sagt er. So schuftete er zehn bis 16 Stunden täglich. Wochenenden und Feiertage waren keine Ausnahmen.

Immer mehr Burnout-Fälle

„Die meisten Menschen sehen eine solche Belastung nicht“, sagt Stefan Schillinger, der mit immer mehr Burnout-Fällen konfrontiert ist. Er ist der Chef des gleichnamigen Integrationsunternehmens, zu dem ebenfalls ein Angebot für Betreutes Wohnen gehört. Auch Andrea Kabuth-Schiwy, Leiterin des Reha-Teams beim Jobcenter, spricht davon, dass der Anteil dieser Menschen ansteigt. Das Team betreut 1500 Männer und Frauen mit einer Behinderung.

„Wir schauen, was fehlt, um einen Beruf auszuüben“, erklärt Kabuth-Schiwy. Bei David Koconrek war es unter anderem der Führerschein, den er als Angestellter einer Friedhofsgärtnerei nicht brauchte, da sein Arbeitsplatz immer am gleichen Ort war. Darüber hinaus sind Andrea Kabuth-Schiwy und ihre Kollegen pädagogisch geschult.

Neuanfang nach langer Therapie

Nach einer längeren Therapie halfen beide Seiten dem jungen Gärtner, einen Neuanfang zu wagen, abseits seines perfektionistischen Arbeitseifers auf dem Friedhof.

Seit Juni dieses Jahres ist David Koconrek als Garten- und Landschaftsbauer bei Stefan Schillinger angestellt. „Ab und zu muss man ihm noch auf die Finger klopfen, damit er nicht in seine alten Muster verfällt“, sagt der Chef. Doch beide wissen sie: In dem Unternehmen bewegt sich David Koconrek in einem geschützten Bereich, der ihn vor allem vor einer Person schützen soll: nämlich sich selbst.

Nicht in alte Muster verfallen

Neben der Arbeit lebt der 32-Jährige in einer einrichtungsinternen Haus- und Wohngemeinschaft, in welcher er betreut und unterstützt wird. Dort wird der junge Mann unter anderem auch darauf vorbereitet, „wieder ein normales Leben zu führen“, in dem der Beruf nicht alles ist.

Bis dahin ist jedoch noch ein Stückchen Weg zu gehen: David Koconrek muss immer noch lernen, loszulassen – und vor allem nicht in alte Muster zu verfallen.

Dass er nun auch wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt angekommen ist, darauf ist der Gartenbauer sehr stolz. Und so kann er auch sagen: „Ich stehe morgens auf, fühle mich gut und gehe zur Arbeit. Dafür bin ich allen Menschen dankbar, die mir dabei geholfen haben.